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Nun wird alles gut: Aleksandra Olczyk und Silvia Hauer im Finale.

Staatstheater Wiesbaden

„Rosenkavalier“ in Wiesbaden: Die Königskinder und der Panzer

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Ein durchwachsener „Rosenkavalier“ am Staatstheater Wiesbaden.

Der „Rosenkavalier“ stellt die Regie vor größere Herausforderungen, als die Genialität des Werkes in Wort (Hugo von Hofmannsthal) und Ton (Richard Strauss) es nahelegt. Die Inszenierung muss sich im Farbenrausch und im minutiösen Detailreichtum, in einer Dichte, in der alles Erforderliche bereits vorhanden ist, einen Platz suchen. Hinzu kommen ein paar Längen (Geniales kann Längen haben, man glaubt es nicht, bis man den „Rosenkavalier“ wieder hört).

Wie fast immer gestaltet sich nun auch in Wiesbaden etwa das höllische Komplott gegen den dummen Ochs im dritten Akt eine Spur lahm. Dies trotz eines erheblichen Aufwandes mit einschwebendem Dämon, laufendem Tisch, hingebungsvoll frechen Mitgliedern des Wiesbadener Knabenchors und einem Zaubertrick. Gegen die Allmählichkeit der pandämonischen Situation, die krude ist, aber auch eine Weile dauert, kommt das Szenische jedoch anscheinend nicht an. Die für sich genommen gar nicht lahme Musik widersteht dem Tempo, das man wohl bräuchte. Selbst Otto Schenks uns ultimativ vorkommender Münchner „Rosenkavalier“ erreicht hier nicht das Maximum.

An anderer Stelle wissen die Wiesbadener dafür zu erstaunen. Die Ouvertüre zeigt eine offenherzige Beischlafszene zwischen der Feldmarschallin und Octavian, und so deutlich wird man vermutlich noch nie gehört haben, was man hier eigentlich hört. Charakteristisch für den Abend aber auch, dass dem entschlossenen Auftakt ein verblüffend statischer erster Akt folgt. Denn Licht und Schatten (bildlich gesprochen, das Licht bleibt über weite Strecken spröde) liegen eng beieinander in der Inszenierung von Nicolas Brieger, der sich teils für die Figuren und Gegenstände interessiert, teils aber auch nicht so sehr. Wenig (weiß Gott anders als Hofmannsthal und Strauss) interessiert er sich dem Augenschein nach für die Feldmarschallin, die – von Nicola Beller Carbone elegant und statuarisch verkörpert und untypisch schlank gesungen – keine Strahlkraft entwickeln kann.

Staatstheater Wiesbaden:  14., 17., 22., 30. November, 12., 21. Dezember. www.staatstheater-wiesbaden.de

Weit mehr interessiert sie sich für das Liebespaar Octavian und Sophie, dem im zweiten Akt ein lebendiges Näherkommen gewidmet ist. Dass Octavian am Anfang und im krassen Gegensatz zur heiligen Musik angetrunken und mürrisch auftritt, überzeugt dabei mehr als die Geschwindigkeit, mit der er Sophie nachher gerne ausziehen würde. Feinsinn und Derbheit gehen Hand in Hand, man kann sich nur wundern.

Optisch sind Silvia Hauer und Aleksandra Olczyk ein geradezu maßstabsetzendes rührendes Königskinderpaar – an keiner Stelle unterminiert die Regie die lupenreine Naivität –, und auch musikalisch bilden sie das Zentrum des Geschehens: Hauers Octavian mit mildem, rundem Mezzo, Olczyks Sophie in vorzüglich kultiviertem Verein damit.

Das immer wieder Zerfahrene des Bühnengeschehens zeigt sich wiederum, wenn der spröde erste Akt durch Videobilder vom tanzenden Vorkrieg und Weltkriegsbildern wie eine Notlösung wirkt: als müsse sich jetzt einmal etwas tun (wenn schon auf der Bühne selbst so wenig Pfiff ist). Und als müsse das Publikum noch einmal darüber informiert werden, dass der „Rosenkavalier“ wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg seine Uraufführung hatte, in einer melancholischen Überhitzung sondergleichen.

Aparter die (durch die vorangegangenen Videos allerdings zu „politisch“ gemachte und dadurch wieder entwertete) Entscheidung, Sophies neureichen Vater Faninal als Rüstungsfabrikanten zu präsentieren, den sehr seriösen, sonoren Thomas de Vries. Einen sich drehenden goldenen Panzer hat er sich vors Haus stellen lassen, eine immerhin originelle geschmackliche Entgleisung.

Das Bühnenbild von Raimund Bauer wird durch ein großes Halbrund gerahmt, eine Art Salon, als Schlafzimmer, Villenentrée und im dritten Akt halbseidenes Etablissement eingerichtet. Die Kostüme von Andrea Schmidt-Futterer legen sich zeitlich nicht fest. Mit einem Sich-nicht-Festlegen hat man es hier in der Tat zu tun. Eine aufwendige Statisterie bleibt im dekorativen Bereich. Und so ansehnlich die Raben aussehen, die den Ochs umschwirren, so forciert ist es, dass ihre Grobheit gleich noch einmal ein fast nacktes hübsches Dienstmädchen auf die Bühne treibt. Der prächtige Sänger des Ochs selbst, Karl-Heinz Lehner, der die österreichische Karte spielen kann und spielt, tritt im Karl-Lagerfeld-Look auf. Auch er mäßig komödiantisch angelegt. Darf Lehner jammern, darf er zackern, wie belebt ist dann gleich die Szene. Das muss man nicht wollen, aber worum geht es hier sonst?

Farbenreich und aus einem Guss lässt sich Patrick Langes Dirigat mit dem lebhaft aufgelegten Orchester hören: ein üppiger, aber eben nicht derber Strauss. Bemerkenswert solide die zahllosen kleinen (Chor-)Soli.

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