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Altamont Rock Festival, 6. Dezember 1969: Unter den Augen Mick Jaggers umringen von der Band angeheuerte Hells Angels den niedergestochenen Meredith Hunter.

45 Jahre Altamont Festival

Rosenblätter, Blutspritzer

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Wendepunkt der Rockmusik-Geschichte: Auf dem Altamont Speedway, zu Füßen der Rolling Stones endeten vor genau 45 Jahren Utopien.

Am 6. Dezember 1969 steht der Mond im Skorpion. Eine bedenkliche Konstellation. Bedenklich auch, was sich an diesem Tag im hügeligen Rund des Altamont Speedway in Kalifornien offenbart. Eine allzu niedrige, hastig aufgebaute Bühne, einige Wohnwagen als Rückzugsorte, kaum Sicherheits- oder Notfallvorkehrungen, wenig Sanitärstationen. Über die bräunlich gegerbte Gras- und Distellandschaft fegt der Wind, nachts soll es kalt werden. Autowracks markieren den Ort, an dem die Rolling Stones das letzte Konzert ihrer US-Tournee als rauschendes Abschlussfest bestreiten wollen.

Während Chip Monck und sein Bauteam die letzten Handgriffe tun, befinden sich 300 000 Menschen auf dem Marsch durch die Hügelketten, gewappnet mit Pullovern, Decken, Kanistern voller Rotwein und schlechtem LSD. Längst sind die auf dem nahen Highway abgestellten Automobile vergessen, längst spielt es keine Rolle mehr, dass das sehnsüchtig erwartete Gratiskonzert innerhalb von nur 24 Stunden an einen anderen Aufführungsort verlegt wurde, dass die amerikanische Welt aus den Fugen ist. Spürbar die Vorfreude auf ein „Woodstock des Westens“, die Fortsetzung von LiebeFriedenHimmelaufErden.

Das Geräusch der Motorräder

300 000 bewegen sich auf einen Talkessel zu, in dem jene Bühne steht, die Stunden später von Rosenblättern und Blutspritzern bedeckt sein wird. Es ist früher Tag, und das Geräusch schwerer Motorräder mischt sich ins Jubilieren der „Woodstock-Nation“.

Was sich vor 45 Jahren rund 70 Kilometer östlich von San Francisco ereignete, wurde vielfach kommentiert und darf als ein Markstein der sogenannten Rockhistorie gelten. Als „Abgesang einer Epoche“ wurde es bezeichnet, als „Ende der Unschuld“, „Beginn finsterer Zeiten“. Dabei wird vergessen, wie gewalttätig sich das Jahr der „Festivalmania“ gestaltete: Aufruhr und Festnahmen im April 1969 beim Los Angeles Free Festival, im Juni Randale und Verletzte in Northbridge, eine Schlacht zwischen Jugendlichen und Polizisten beim Denver Pop Festival. Wen sollte es wundern, angesichts eines Umfeldes, das von Studentenunruhen, Black-Power-Bewegung, Vietnam-Desaster, politisch motivierten Morden und Charles Manson geprägt ist.

Hoffnung in Woodstock

Obwohl zum „Katastrophengebiet“ erklärt, wuchs im August aus den Woodstock-Wiesen ein Mastbaum der Hoffnung: Noch einmal schienen soziale Utopien und freiheitliche Lebensmodelle realistische Alternativen zu sein. Nach dem Willen der Rolling Stones sollte das äußerst nachlässig organisierte Free Concert als Abschiedskulisse für eine Tourdokumentation dienen – eine dem Woodstock-Film ebenbürtige Darstellung.

Wer sich heute, nach all den Jahrzehnten, in „Gimme Shelter“ oder die Fotografien von Ethan Russell vertieft, kann die niederschmetternde Atmosphäre jener Dezember-Stunden nachempfinden. Schon Santana, Flying Burrito Brothers und Crosby, Stills, Nash & Young musizieren ohne rechte Freude. Marty Balin von Jefferson Airplane, der den ständigen Gewalttätigkeiten Einhalt gebieten will, wird ohne viel Federlesens und vor aller Augen niedergeschlagen. Die nur vier Fuß hohe Bühne – „ein unheilvoller Fehler“, wie Wolfgang Tilgner in seinem empfehlenswerten Buch „Open Air“ schreibt – ist ständig bevölkert von Musikern, Tourbegleitern, Hells Angels. Jeder scheint überfordert zu sein, tief abgetaucht in Paranoia und eine unheilvolle Mixtur aus Speed und Alkohol.

Gute Stimmung will sich von Anfang an nicht einstellen. Von einem Publikum, bestehend aus „fiesen, bösartig zugedröhnten Typen“, berichten Augenzeugen. Mitglieder der Westküsten-Angels, für eine Wagenladung Bier als Ordnungspersonal angeheuert, gehen mit bleibeschwerten Billardstöcken dazwischen. Und während „Under My Thumb“ aus der scheppernden Lautsprecheranlage dröhnt, wird der 18-jährige Meredith Hunter in Sichtweite der Rolling Stones erstochen.

Jaggers bloße Angst

Dumpfe Hilflosigkeit ist greifbar, Jaggers bloße Angst. Im Angesicht roher Brutalität überlassen die selbsternannten Teufels-Sympathisanten ihre Gefolgschaft dem Chaos. („Gimme Shelter“, herausragend durchgepeitscht – wahrlich der Song des Abends). Die Feigheit der „größten Band der Welt“, das Aufkündigen jeder Verantwortlichkeit, ist der eigentliche Wendepunkt der Geschichte. Der Rest ist hemmungslose Kommerzialisierung.

Schuld will am Ende niemand gewesen sein. Sündenböcke zuhauf: Das inkompetente Stones-Management, eine arrogante, die Vorgänge ignorierende Rockband, die von vagen Anweisungen und brutaler Machtdemonstration geleiteten Motorrad-Outlaws. „Wer den Teufel geladen hat, der muss ihm auch Arbeit geben“, sagt der Volksmund. „Aber da kann man nichts machen, wenn man mit solch explosiven Sachen fährt“, sagt Aktivist Wavy Gravy.

Warum will die Zeit nicht vergehen? Wir sind noch immer in Altamont. Haben schlecht geträumt, sind enttäuscht, müde, sehen vor uns das nicht enden wollende Prügeln, hören die Schläge niedersausen, riechen das Blut. Blicken hinauf zu den Idolen, diesen Herrlichen, rufen, fragen nach Beistand, hoffen, warten, warten, warten. Jeder für sich – allein unter 300 000.

Am Ende sagt uns ein Mädchen, wie es war am 6. Dezember 1969: „Es gab keine Liebe, keine Freude in Altamont. In diesen 24 Stunden brachten wir in einer geschlossenen Zone all die Probleme unserer Gesellschaft zum Vorschein – Überfüllung, Gewalt, Entmenschlichung.“

Nichts ist vergangen, nichts hat sich erledigt. Die Show auf der wüst gefallenen Rennbahn dauert an.

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