feu_romare-ninja-tunes_2309
+
Mit Respekt und Magie: der Brite Romare.

Neues Album

Romare: „Home“ – Und Vaters zwölfsaitige Gitarre

  • vonStefan Michalzik
    schließen

Grandios spielt Romare auf dem Album „Home“ nicht nur mit Samples.

Zunächst hatte sich Archie Fairhurst als Jugendlicher für die Musik von The Velvet Underground, Syd Barrett und The Clash erwärmt. Dann entdeckte der Londoner in der Plattensammlung seines Vaters Blues, Jazz und Soul und entschied sich für ein Studium der amerikanischen Kulturgeschichte. So stieß er auf die Werke des 1988 gestorbenen afrozentrisch orientierten New Yorker Künstlers Romare Bearden – seither nennt er sich als DJ-Produzent Romare. „Meditations on Afrocentrism“ (2012) hieß die erste 12-Inch-Single des weißen Engländers, den das Interesse an der afroamerikanischen Musiktradition nicht mehr losließ.

Akustische Musikinstrumente beherrscht Romare von Keyboard über Gitarre und Bass bis zum Schlagzeug. Konstituierend für seine Musik ist jedoch der grandiose Umgang mit Samples. Es sind die faszinierenden Schnipsel aus abseitigen Quellen, deren magischer Klang im zeitgenössischen Kontext auch das neue Album „Home“ kennzeichnet, das dritte seit dem Debüt „Projections“ (2015). Sie erschienen alle beim Londoner Ninja-Tune-Label, auch nach beinahe dreißig Jahren immer noch eine Bank für experimentierfreudige Musik.

Seit Neuestem zwar taucht bei Romare verstärkt Selbstgespieltes auf, er bringt sein einstiges Kinderschlagzeug, die zwölfsaitige Gitarre seines Vaters und eine Vintage-Orgel ins Spiel. Es entstanden sogar Stücke ohne Fremdmaterial. Prägend jedoch bleibt ein sublim spielerischer Umgang mit House. Vor allem Deep House diesmal, in der Eröffnungsnummer „Gone“ ein rumpeliger Tech-House-Sound mit Schemen eines gospeligen Sprachsamples. Die quirlige Hi-Hat, ein Markenzeichen Romares, tritt nicht mehr so ausgiebig in Erscheinung; der Gesang ist integriert in die instrumentale Textur.

Keine Kracher, aber tanzbar

Es geht nicht um Kracher für den Tanzboden, und wo es den Anschein hat – in der Nummer „You See“ –, wird irgendwann auf die Bremse getreten, mit einer für Romare nicht ganz neuen Wendung ins Melancholische.

Ungeachtet des Titels ist „Home“ kein erklärtes Album zum Lockdown, der dürfte wohl eher auf Archie Fairhursts neue Lebenssituation mit einer Familie im britischen Hinterland anspielen. Tanzbar bleibt die Musik ungeachtet aller Brüche fast durchweg, das downbeathafte „Deliverance“ ausgenommen. Über den Gospel hinaus gibt Fairhurst als Quellen der Inspiration Irish Folk und Country an, sowie Thomas Tallis, den englischen Vokalkomponisten der Renaissance. Was nachvollziehbar ist.

Musik ist Magie, hat Romare einmal gesagt. Bei aller Raffinesse wirkt sein Schaffen nie vordergründig ausgefuchst. Ein weißer Brite, dessen Musik wie die eines Schwarzen klingt – eine unbotmäßige kulturelle Aneignung ist Fairhurst (meiner Wahrnehmung nach zumindest) bislang nicht vorgehalten worden. Angesichts des Respekts – und er ist das probate Kriterium in dieser Debatte –, mit dem er sich den von ihm verehrten Musikkulturen annähert, mit einem Gespür für die Spiritualität auch, wäre das abstrus.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare