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Will dem Techno die Unschuld zurückgeben: Pawel.

Pawels Debutalbum

Die romantische Ader des Techno

Paul Kominek alias Pawel beschwört in seinen Tracks die verlorenen Zeiten herauf, in denen die Tanzboden-Beschallung noch ein Versprechen auf eine bessere Welt war. Von Thomas Winkler

Von Thomas Winkler

So exakt ist die Vertreibung aus dem Paradies nicht zu datieren. Vielleicht war es 1995, als erstmals eine halbe Million Menschen die Loveparade zum Mainstream-Event tanzten. Vielleicht geschah der Sündenfall auch schon früher in den Katakombenclubs des frisch vereinigten Berlins. Oder erst später in den Diskotheken am Ballermann. Irgendwo, irgendwann jedenfalls hat Techno seine Unschuld verloren. Und Pawel hat sie jetzt wieder gefunden.

Nicht nur weil dessen schlicht "Pawel" betiteltes Debütalbum verpackt ist ganz in Weiß, der einschlägig unberührten Farbe. Vor allem weil Paul Kominek, wie der DJ und Produzent bürgerlich heißt, in seinen Tracks die verlorenen Zeiten heraufbeschwört, in denen eine auf den repetitiven Klängen aus der Maschine beruhende Tanzbodenbeschallung auch noch ein Versprechen war auf eine bessere Welt. Die reinen Rhythmen, aufgelegt von gesichtslos scheinenden DJs und ohne Texte, hatten nur eine Botschaft: Im Tanz sind alle Menschen gleich.

Das hat sich bekanntermaßen schnell als Trugschluss herausgestellt. Schlimmer aber als der Verlust dieser Illusion wiegt vielleicht, dass auch die dazugehörige Musik im Sumpf der Kommerzialisierung versank und in Großraumdiscos und den Charts ankam - allerdings natürlich als schunkeltauglicher, an Schlager erinnernde Karikatur ihrer selbst.

Bei Pawel ist Techno noch bei sich und seinen Wurzeln. Kominek, in Polen geboren, in Frankfurt am Main aufgewachsen und mittlerweile in Hamburg lebend, tut einfach so, als seien die vergangenen anderthalb Jahrzehnte nicht abgelaufen.

Er programmiert kein hartes Berliner Brett, sondern seine mittelschnellen Beats aus warmen, wundervoll verhallten Synthesizerklängen, die er in weich gepolsterten Hallräumen voller Sehnsucht ausstellt. Techno hat hier, nicht nur weil er so sentimental verklärend zurückblickt, eine romantische Ader.

Diese Qualität aber erreicht Pawels Sound mit größtmöglicher Reduktion, ohne gleich zum inzwischen allseits verhassten Minimal zu werden. Denn die ganz und gar im Mittelpunkt stehenden Rhythmen sind nicht kalt und mechanisch, sondern sie flattern ein wenig und flimmern einen Hauch neben dem mathematisch sauberen Vierviertel.

Die Botschaft lautet: "Wasting my time"

Sie sind nicht klaustrophobisch, sondern ihnen wird genug Raum gegeben, um einen hypnotischen Sog zu entwickeln, den Kominek dann sparsam ergänzt mit kurzen Kommentaren aus dem Sampler, deren Ursprungsklänge geschickt verschleiert sind.

Anstatt zu raten, wo der Produzent diesen Ton nun wieder geklaut hat, soll sich der Tänzer ganz auf seinen Körper konzentrieren. Auch die sporadisch immer wieder auftauchenden Stimmen sind kaum mehr als akustische Signale, monoton wird eine einzige, kontextlose Botschaft wiederholt: "Wasting My Time".

Der Verzicht auf Texte ist allerdings eine kleine Überraschung. Hat der mit einer klassischen Ausbildung am Klavier gesegnete Kominek doch bislang unter dem Pseudonym Turner veröffentlicht. Auf vier Alben hat er die Schnittstelle zwischen Song und Track erforscht, üppige Electronica-Lieder geschrieben, programmiert und schließlich im Vorprogramm einer Rockband wie Tocotronic gesungen.

Dass er sich, obwohl aus der Club-Szene stammend und weiter in ihr zuhause, von ihren üblichen Mechanismen entfernte, ihre musikalischen Strukturen aufbrechen wollte, das hat er damals begründet mit dem Satz: "Von dem ganzen Bumbum wird man ja mit der Zeit blöd."

Dass er sich selbst immer wieder diesem Bumbum zugewendet hat und als Pawel bereits einige Maxis veröffentlicht hat, kann man dann wohl so verstehen: Wenn der Richtige den Bumms besorgt, dann muss so ein Bumbum gar nicht blöd sein. Nun ist der Beweis auch auf Albumlänge geführt.

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