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Die zwei von The Jesus and Mary Chain.

The Jesus and Mary Chain

Romantik und Rückkopplung

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The Jesus and Mary Chain sind nicht erledigt, sie überraschen nach 18 Jahren mit einem neuen Album.

Zwei Songs klammern ein Album, das lange Zeit als das letzte von The Jesus and Mary Chain gehandelt wurde. Auf „I love Rock’n’Roll“ feiert Sänger Jim Reid noch einmal den Aufbruch und das Vorwärts, während Gitarrenbruder William Reid mit „I hate Rock’n’Roll“ einen feedbackgetränkten Schlussstrich zieht. Die Platte heißt „Munki“, es ist 1998 und die Band am Ende.

Doch Hass ist nicht das letzte Wort in einer Geschichte, die seit Beginn aus Gegensätzen und Abstoßungen lebt. Und weil das bisschen Liebe irgendwo noch glimmt und schmaucht, sind die schottischen Heroen wieder da. Was vor einem Jahrzehnt mit zarten Annäherungsversuchen, seltenen Auftritten und wenigen Neukompositionen begonnen hat, mündet nun in eine Veröffentlichung, die „Damage and Joy“ betitelt ist. Das erste, 14 Nummern starke Vollpaket seit fast zwei Dekaden.

Eine Tournee ist angekündigt, vier Auftritte in Deutschland sind ab 20. April terminiert. Charme und Humor werden nicht zur Ausstattung gehören, dafür ist die Maschine jedoch mit gutem Treibstoff betankt. The Jesus and Mary Chain – neben den Reid-Brüdern gehören Schlagzeuger Brian Young und Bassist Phil King zur aktuellen Besetzung – haben sich keineswegs neu erfunden, bleiben mit bewundernswertem Eigensinn auf Spur. Nichts hat sich erledigt, nichts ist von gestern. Trotz tiefer Schürfungen im Populärbergwerk der Sechziger – Beach Boys, Stooges, Shangri-Las, Surfmusic, Rockabilly – bestechen alle JAMC-Veröffentlichungen durch Gegenwärtigkeit. Und Einfachheit. Dass diese klaren Strukturen immer und immer wieder in Euphorie versetzen, ist fast ein Wunder.

„Damage and Joy“ beginnt kraftvoll verzerrt mit einer „Rock’n’Roll Amputation“ und bietet einen Sack voller großartiger Songs. Wie immer eignet sich das Reid’sche Oeuvre bestens für lange Autofahrten, lange Nächte, lange Einsamkeiten. Zu nennen sind die Gastsängerinnen, mit denen sich Bruder Jim zu herzerweichenden Gesangsduellen aufschwingt: Isobel Campbell, Linda Fox, Sky Ferreira, Bernadette Denning. Liebeslieder, Abschiedslieder, Durchhaltelieder. „All Things must pass“ ist so eine Großtat, „Los Feliz (Blues and Greens)“, „Presidici (Et Chapaquiditch)“, „Black and Blues“.

Laut hören! Regler hoch, ihr Schwarzbrenner dort draußen! Schönheit, die schmerzt. Rückkopplungen und Melodien, Stillstand der Zeit. Da ist der Regen, der schon die wunderbare „Darklands“ von 1987 durchdunkelte. Altbewährte Motive tauchen wieder auf, werden befragt, übers Griffbrett gezogen, ins Heute entlassen. Ein Aberwitz mit Methode: den Beat mittels Zerlegung erneut gewinnen, auf seine Tauglichkeit prüfen.

Die Reids sind Meister der Effizienz. Dabei keinesfalls von Blindheit geschlagen – „I hate my brother and he hates me / That’s the way it’s supposed to be“, heißt es im hammerfesten „Facing up to the Facts“.

Aus welchen Welten, welchen Atmosphären stammen diese Menschen? John Hunter, fleißigster Präparator des 18. Jahrhunderts, kommt von dort: 13 600 tierische und menschliche Objekte soll seine Sammlung beinhaltet haben. Auch Wattie Buchan, ein Shouter mit „ramponierter Stimme“, hat dort seine Wurzeln: Das Debüt seiner Band The Exploited – „Punks not dead“ von 1981 – gilt in bestimmten Kreisen als legendär. East Kilbride – als „New Town“ unweit von Glasgow charakterisiert – sendet lebhafte Geister in die Welt. Denen das vorbei plätschernde Wasser des Rotten Calder und die fromme Aura der namensgebenden Heiligen Brigida von Kildare anscheinend nicht genügen. Die mehr wollen, als dem Warenreichtum eines der größten Einkaufszentren Europas zu huldigen.

Kurzum: Hier hat sich das Brüderpaar William und Jim Reid fünf Jahre lang verkrochen, dem Studium popmusikalischer Vergangenheiten hingegeben. Aus den eigenbrötlerischen Brüdern wurde – wer hätte daran zweifeln wollen? – das eigenbrötlerische Band-Modell The Jesus and Mary Chain. Was die Herren Hunter und Buchan vorgegeben haben, wird mit Hilfe von GitarreGesangSchlagzeugBass perfektioniert: Bewahrungsfuror und Zertrümmerungslust in schönster Harmonie.

Ihre frühen Konzerte dauern kaum zwanzig Minuten, es wird gespuckt und gepiesackt, Krawall veranstaltet. Das Debüt eine Jahrtausendplatte, revolutionär: 1985 beweist „Psychocandy“ wie viel Rückkopplung und Verstörung das Modell Pop verträgt. – Mehr als eine Erinnerung an Alan Vega und Martin Rev von „Suicide“ sei erlaubt. Der stilbildende Hit „Just like Honey“ adelt schließlich Sofia Coppolas „Lost in Translation“.

Dies und noch vieles mehr bringen sie also mit, die Unzeitgemäßen aus East Kilbride. „Can’t stop the Rock“ heißt der abschließende Song auf dem nunmehr siebten Tonträger. Na also. Und doch: Am Ende der klassischen 3.12 Minuten raunzt William Reid ein unversöhnliches „Stop!“ ins Mikrophon. Romantiker, schlecht gelaunt. Gute Musik.

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