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Rolf Riehm wird 85 – Das Schweigen der Sirenen

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Von: Arno Widmann

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Rolf Riehm, hier 1989 in Donaueschingen.
Rolf Riehm, hier 1989 in Donaueschingen. © imago/Michel Neumeister

Dem Frankfurter Komponisten Rolf Riehm zum 85 Geburtstag.

Fragt man ihn, wie er komponiere, antwortet er: „Ich reagiere auf Zeitumstände“. Auf die großen Gemeinheiten von Krieg und Gewalt und auf die kleinen Freuden, wenn er zum Beispiel über die Bilder Tizians und Bellinis staunend in der Kirche Santa Maria Gloriosa dei Frari über eine Grabplatte stolpert, die den Namen Claudio Monteverdis (1567 – 1643) trägt, eines seiner Lieblingskomponisten. Den freudigen Schrecken plötzlicher körperlicher Nähe zu ihm übersetzt Riehm in Musik. Eine Klavierkomposition, die den Titel trägt „Ciao, carissimo Claudio“.

Riehms große Oper „Das Schweigen der Sirenen“ habe ich nie gesehen, aber sich diese ironischen Blätter Kafkas vorzuknöpfen, das ist typisch für Riehm. Wenn es kompliziert wird, wird es für ihn erst interessant. Kein Mensch kann sich schützen vor der Verführungskraft des Sirenengesangs, erzählte Homer. Nur sein Held Odysseus kam auf die Idee, sich die Ohren mit Wachs zu zu stopfen und sich anzuketten an den Mast des Schiffes. So erreichten ihn die Gesänge nur wie von Ferne. Sie wurden erträglich.

Kafka erklärt diese Geschichte für Quatsch. Die Sirenen hätten gar nicht gesungen und so Odysseus im Glauben gelassen, er habe sie ausgetrickst.

Der Mensch glaubt, ungestraft mit den Naturgewalten spielen zu können.

Vielleicht, fügt der witzige Kafka hinzu, habe aber Odysseus die Sirenen durchschaut und sie im Glauben gelassen, sie hätten ihn überlistet.

Ausgerechnet aus dem Schweigen der verführerischsten Stimmen der Weltgeschichte eine Oper zu machen, ist schon ein starkes Stück, aber dazu noch das Patt der von Kafka aufgezeigten verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten durchzukomponieren, das scheint mir unmöglich. Aber Rolf Riehm hat es getan.

Geboren wurde Rolf Riehm am 15. Juni 1937 in Saarbrücken. Komposition studierte er bei Wolfgang Fortner. Die alten Frankfurter Linken kennen ihn, der nach Frankfurt gezogen und hier geblieben ist, als Mitbegründer des „Sogenannten Linksradikalen Blasorchesters“.

Von 1974 bis 2000 war Rolf Riehm Professor für Komposition und Tonsatz an der Frankfurter Musikhochschule. Sich klarzuwerden über den Zusammenhang, in dem er lebt und arbeitet, deswegen komponiert er. Er ist, so entnehme ich den Filmen, die ich über ihn gesehen habe, ein freundlicher, gut aussehender Herr. Aber mir fällt bei seiner Musik, und wenn er über sie spricht, ein Boxer ein. Der hat, bevor er in den Kampf geht, seinen Gegner genau studiert. Aber über Sieg oder Niederlage entscheidet, wer von beiden an diesem Abend besser auf die Finten des Anderen reagieren kann. Ich sehe Riehm als einen, der nicht müde wird, seinen Kontrahenten – also unser aller Gegenwart – zu studieren und ihn immer wieder neu herauszufordern. Mit immer neuen Techniken und Einfällen.

Dazu gehören Witz und Ironie und das Wissen darum, dass man auch als Autor nicht in jedem Moment der Herr seiner Geschöpfe sein darf. Man muss ihnen die Freiheit lassen. Also auch die Freiheit, missverstanden zu werden. Mir ist das klar geworden, an einer kleinen Komposition, die Sie im Netz auf Youtube finden können. Sarah Maria Sun (Sopran) und Jan Philipp Schulze (Klavier) performen 2021 Riehms Komposition von 2014. Sie ist eine vielfach gebrochene Auseinandersetzung mit Heinrich Heines Gedicht „Der Asra“ aus dem Jahre 1846. Es endet mit den Zeilen „Und der Sklave sprach: ich heiße Mohamet, ich bin aus Yemmen, Und mein Stamm sind jene Asra, Welche sterben wenn sie lieben.“

Im Internet finden sich auch die Vertonungen des Gedichts von Anton Rubinstein und Carl Loewe. Man kann sie als Kontrastmittel verwenden, um genauer zu sehen und zu hören, was Riehm macht. „Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust“, schrieb 1842 der russische Revolutionär Bakunin, als er in Dresden mit dem angehenden Komponisten Richard Wagner verkehrte.

Wie die eine Lust zur anderen wird, wurde mir klar an Riehms kunstvoller Zerstückelung von Heines Text und seiner genüsslichen, nicht nur musikalischen Transsubstantiation in ein Werk, das ganz und gar von Rolf Riehm ist. Er scheut vor keinem Pathos zurück und eben so wenig vor keiner der Möglichkeiten, es zu zerstören. Riehm zitiert Hape Kerkelings berühmten Sketch „Hurz!!!!“, in dem der sich lustig macht über „neue Musik“. Wie altbacken wirkt Kerkelings Parodie, betrachtet man sie noch einmal nach Riehms Zerstörungswerk, das übergeht in eine Feier der Freiheit.

Große Worte für ein kleines Zwei-Personen-Stück. Aber hat man die großen Worte, die großen Gesten erst einmal auseinandergenommen, kann man sie umfunktionieren und Stück für Stück wieder verwenden in neuen Kontexten. Der Tod ist nicht das Ende. Sondern der Beginn einer neuen Komposition.

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

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