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Rolf Riehm „Ihr, meine und eines ruchlosen Vaters Kinder“: Vom Ballast der Geschichte

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Zwei Kompositionen von Rolf Riehm handeln von mythischer Gewalt

Wir müssen uns“, schreibt Rolf Riehm im Begleittext zur aktuellen CD, „die alten Geschichten wieder und wieder erzählen, um uns in Zeiten der Verwirrung angesichts einer in Stücke gehenden Gegenwart über die Erfahrungen klar zu werden, die wir über die Zeiten hin gemacht haben.“ „Gemacht“ aber meint nicht nur „erlitten“: Ein Antagonismus zwischen Täter und Opfer, gut und böse ist kaum haltbar. Die Kinder des „ruchlosen Vaters“ aus dem Titel seines Orchesterstücks sind wir auch.

Zwei Kompositionen von Rolf Riehm ergänzen sich zu einem Album mit umfassender künstlerischer Aussage. Das 24-Minuten-Stück, „Ihr, meine und eines ruchlosen Vaters Kinder“, eine Auftragskomposition der Kasseler Musiktage, wurde dort 2006 vom hr-Sinfonieorchester unter der Leitung von Christoph Poppen uraufgeführt. Es handelt – wenn Musik handeln kann – vom Schrecken, von Opfern und vom vergossenen Blut in der Geschichte des homo sapiens. Es geht um eine Art Gattungs-Ballast, den wir mit uns schleppen auf unseren Wegen und der zugleich als Energieträger und Spielmaterial erscheint. Das Drama, die Tragödie, der Schrecken sind in die Musik eingelassen. Sie tobt, sie schreit auf, sie unterbricht, sie überhöht. Sie erspart ihren Hörern und Hörerinnen nichts. Aber ihr Gestus ist nicht überschwänglich hysterisch; es ist ein geplanter, konstruierter, kunstreich geformter Schrecken, den die Musik uns zumutet.

Schlechte Nachrichten

Fragmente aus Elfriede Jelineks „Der Tod und das Mädchen 5“, gesprochen von Ernst Stötzner, sanglich interpretiert von Alexandra Lubchansky, markieren den Ernst der Lage. Und das Mädchen von Guantanamo („Guantanamera“) erinnert hier an seine Ursprünge in den 30er Jahren, in denen der Refraintext als Chiffre für „schlechte Nachrichten“ galt.

Das Album:

Rolf Riehm: Ihr, meine und eines ruchlosen Vaters Kinder. Kreuzberg Records.

Und dann stirbt Orpheus. Wir erinnern uns: ermordet und zerstückelt von Mainaden (nein, nicht aus dem Main), und sein auf eine Lyra genagelter Kopf treibt, singend, flussabwärts.

Riehms Zyklus „Die Tode des Orpheus“ für Countertenor und Orchester, eingespielt von der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern unter der Leitung von Jonathan Stockhammer, enthält sechs Versionen des Orpheus-Mythos.

Dass die Partie des Orpheus eine Countertenor-Partie ist, ist seit Gluck klar. Lawrence Zazzo macht das eindrucksvoll und ausdrucksintensiv, kein Intervallsprung ist ihm zu weiträumig, keine Plötzlichkeit überfordert ihn. In den tiefen Registern hat seine Stimme enormes Volumen, in den höheren eine farbige Dramatik.

In dieser Komposition – Riehm spricht von sechs Stücken, die untereinander keinen Zusammenhang bilden und warnt: „Eher nicht alles hintereinander hören!“ – verbreitet das Orchester nicht Angst und Schrecken. Es geht auch darum, dass Orpheus zerstückelt, aber nicht zum Schweigen gebracht wird.

Der vierte Teil trägt den Titel „Die Zerstörung von Palmyra“. Palmyra aber ist nicht Schauplatz des Orpheus-Mythos, sondern einer aktuellen Zerstörungsarbeit des IS. So ist der wiedererzählte frühantike Mythos eine Geschichte, die in unsere Gegenwart ragt.

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