Neues Album

Roger Hanschel / String Thing: „Beauty of the essential detail“ – Die Oberfläche vergessen

  • vonHans-Jürgen Linke
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Roger Hanschel, das Quartett String Thing und der Sog der Einzelheiten.

Im Detail steckt nicht nur der so genannte Teufel, sondern oft auch das Wesentliche und das Schöne. Die deutsch-kanadischen Künstlerin Evelyn Berg zum Beispiel entdeckte für ihre fotografischen Arbeiten erstaunliche Zeichnungen, Landschaften, Linienwerke und Bildhaftigkeiten im verwitterten Lack auf Motorhauben, Dächern, Kotflügeln von achtlos abgestellten Fahrzeugen. Roger Hanschel, Saxofonist und Komponist, hat für das Booklet seines Albums „beauty of the essential detail“ Fotografien von Evelyn Berg ausgewählt. Und in der Tat gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den Bildern und der Musik.

In beiden sind die Oberflächen, auf denen sie entstanden sind, unwesentlich geworden. Nicht Herkunft und Zuordnungen wie „Fahrzeugtür“, „Kühlerhaube“, „Kammermusik“ oder „Jazz“ sind noch wichtig. Wesentlich ist nur mehr, wie sich Linien, Flächen, Klänge, Skalen, Saiten- und Blasinstrument miteinander verhalten und zusammen ein neues Bild-Objekt, eine neuartige Musik entstehen lassen. Das klingt vielleicht abstrakt, aber was zu hören und zu sehen ist, gewinnt doch sehr schnell an Konkretion. Denn das Wesentliche sind eben die Einzelheiten, die mit erstaunlichem Ergebnis aus der Verbindung von nahe beieinander befindlichen Elementen entstehen.

Das Album

Roger Hanschel / String Thing: Beauty of the essential detail. MicNic Records / Edel Distribution.

Das Streichquartett String Thing – da ist sie schon, die Kühlerhaube „Kammermusik“ – hat in seiner Besetzung gegenüber anderen Streichquartetten ein Detail verändert: Es arbeitet nicht mit zwei Geigen, Viola und Cello, sondern mit Geige, Viola, Cello und Kontrabass. Es übertrifft oder verändert also Klangerwartungen und erweitert seinen Tonraum. Darüber hinaus arbeiten die vier Musiker in musikalischen Umgebungen, in denen nicht nur klassische Tugenden, sondern auch Parameter aus benachbarten Musikstilen wichtig werden: Groove, Artikulations-Variationen, Dynamik, Spontaneität.

Geistreich, eigen, präzise

Roger Hanschel ist vor allem grenzüberschreitender improvisierender Musiker und Komponist. Für String Thing hat er Stücke geschrieben, die seine Erfahrungen mit zeitgenössischer Kammermusik, mit indischer Musik und mit einer flirrend-vielgestaltigen klanglichen Nähe zwischen Streichinstrumenten und Altsaxophon spiegelt. Die Musik ist eine detailreich angelegte Verbindung verschiedener Idiome, die nirgends zu einem Konglomerat von Stilzitaten ausfranst. Dazu ist sie zu geistreich, zu eigen und zu präzise geplant. Wenn der Bass pizzicato spielt, wird doch daraus kein jazzmäßiger Walking Bass. Wenn Viola, Cello und Bass zum Solo der Violine grooven, wird daraus keine banale Begleitung. Wenn Viola und Altsaxophon unisono zu hören sind, geht es bewegungsintensiv um die Irritation einer betörenden, mal ineinander übergehenden, mal kontrastierend ausgeführten klanglichen Nähe.

Das Album steckt voller überraschender Ideen und Wendungen. Es sind vor allem melodische Ideen und feinsinnige Artikulationen, die ihre Wirkung ausmachen. Hanschels souveränes kompositorisches Raffinement gewinnt aus der Polystilistik ein geradezu klassisches Formgefüge. Großes, stilübergreifendes Kammermusik-Kino!

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