Schumann am Wiesbadener Staatstheater

Mit Robert im Irrenhaus

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Schumanns "Das Paradies und die Peri" als des Komponisten Hirngespinst am Wiesbadener Staatstheater. Zu viel klassische Oper für eine Materie, die genau dies nicht sein kann. Von Stefan Schickhaus

Armer Robert! Opern wollte er komponieren, nicht immer nur Lieder und Klavierstücke. "Wissen Sie, was mein Morgen- und abendliches Künstlergebet? Deutsche Oper heißt es", schrieb er 1842 an einen Kollegen, fast schon flehentlich. 1843 allerdings wurde das, was er als "Das Paradies und die Peri" zu Papier brachte, lediglich ein Oratorium, wenn auch "nicht für den Betsaal - sondern für heitere Menschen", wie Robert Schumann selbst sagte.

Das Staatstheater Wiesbaden hat ein ehrbares Schumann-Herz, für ein Opernhaus eine recht schwierige Liebe, mangelnde Publikumsgegenliebe ist da fast schon garantiert. 2006, zum 150. Todesjahr des Komponisten, gab es eine konzertante "Genoveva", jetzt in Vorausschau zu Schumanns 200. Geburtstag 2010 wagte man eine szenische Umsetzung der "Peri".

Vor einigen Jahren machten in Düsseldorf der Choreograf Gregor Seyffert und der Künstler Gottfried Helnwein aus diesem merkwürdigen Mischwesen ein Multimedia-Projekt, vor einigen Monaten stellte Joachim Schlömer in Mannheim seine "Peri" vor. Ein Durchbruch ist das noch nicht. Und auf einen solchen macht jetzt auch die Wiesbadener Version zu wenig Hoffnung.

Armer Robert! Er sitzt in seinem psychiatrischen Krankenzimmer und spinnt sich die Geschichte um das dem Paradies verwiesenen Halbwesen Peri zurecht. David Mouchtar-Samorai, der für das Staatstheater schon sehr erfolgreich als Opernregisseur tätig war, siedelt die Erlösungshandlung im Kopf des Komponisten an: Wenn er alleine ist, spuken Clowns, Panzer, Einkaufstüten und Pestkranke um ihn herum, ultraviolett angestrahlt, dass auch der Zuschauer bald irre zu werden droht. Die Peri scheint eine Mitpatientin zu sein, vogelartig flattert sie und sucht jenes ominöse Geschenk, dass ihr die Wiederaufnahme ins Paradies bescheren soll: Gottes liebste Gabe.

Ja, so könnte zusammen kommen, was unvereinbar erscheint: Schumanns geschmeidige, innige, aber völlig außenwirkungsfreie Musik, dazu der eigentlich untragbar kitschige Text und eben die Aktion. Mit traditionellen Opernmitteln lässt sich das nicht fassen, mit einem Übermaß an Surrealem aber wohl schon. Nur sind die Wiesbadener Theatermittel dafür dann doch zu bodenständig, die Sänger zu wenig Visionäre, der Panzer zu trivial. Zu viel klassische Oper für eine Materie, die genau dies nicht sein kann.

Auch das Stimmmaterial betreffend ist die "Peri" ein Zwitter. Den kraftstrotzenden Opernton verträgt sie nicht, doch ein so weich agierender, fast schmächtiger Tenor wie Jonas Gudmundsson mit derart auffällig fehlender Tiefe ist auch nicht die Lösung. Er als Patient Robert, der einem Evangelisten gleich durch die Handlung führte, hatte mit Sharon Kempton ein Energiepaket zur Seite: Sie sang und flatterte als Peri eifrig und durfte zum Schluss jubeln, hatte sie mit einer Verbrecherträne doch den Schlüssel zum Paradies gefunden.

Am Pult verstand Sébastian Rouland, die Partitur mit großer Transparenz und ohne Eile auszubreiten. Er riskierte gar marternde Langsamkeit, wohl wissend, dass Atemlosigkeit kein Hebel sein kann für diese Musik. Lediglich mit den ersten Chorpassagen und mit einem Clown-Quartett ("Denn in der Thrän´ ist Zaubermacht") hatte er Koordinierungsschwierigkeiten, wobei der Chor zunehmend präziser und letztlich zu einem der Leistungsträger dieser Produktion wurde.

"Das Paradies und die Peri" als des Komponisten Hirngespinst: Das Wiesbadener Publikum blieb kühl bis an des Herzens Grund. Buh-Rufe für die Regie blieben aus. Erwartungshaltungen konnten nicht erst enttäuscht werden bei einem einsamen Werk wie diesem. Und einsam wird es bleiben.

Staatstheater Wiesbaden: 3., 17. Dez. www.staatstheater-wiesbaden.de

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