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Nicht nur von seinen Fans wird Robbie Williams in Frankfurt auf Händen getragen.

Robbie Williams

Robbie Williams gibt in Frankfurt den Champion

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Die Show des britischen Sängers und Entertainers Robbie Williams in Frankfurt ist eine auf den Punkt inszenierte, anspielungsreiche und selbstironische Pop-Feier.

Ein Typ im schwarzen Rock sitzt auf einem spießigen Sofa und singt mit seinem über siebzigjährigen Papa einen Neil-Diamond-Schlager. Wie cool muss man sein, um das so rüberzubringen, dass ein fast ausverkauftes Waldstadion minutenlang kreischt? Man muss Robbie Williams sein.

Das Etikett „der vermutlich beste Entertainer unserer Zeit“ klebt unlösbar an ihm. Und Williams bringt, was drauf steht. Angefangen bei der markanten, kraftvollen, flexiblen Stimme. Im wie so oft recht breiigen Sound unterm Stadiondeckel muss er die Stimmbänder arg strapazieren, die Crooner-Qualitäten fallen ebenso wie Feinheiten der Band – Bläsergruppe, Gitarrensoli – der basslastigen Mischung zum Opfer.

Die „Heavy Entertainment Show“ besticht nicht als Materialschlacht, auch wenn Konfettikanonen feuern und mehr Pyrotechnik zum Einsatz kommt als beim letzten Lokalderby. Sondern als auf den Punkt inszenierte, anspielungsreiche und selbstironische Pop-Feier. Entertainment, 21st Century Style.

Erasure, eine der erfolgreichsten Britpopgruppen der 80er, mal eben ein halbstündiges Aufwärm-Set spielen zu lassen, ist mindestens ebenso Triumphgeste wie Hommage. Der Synthi-Pop von Vince Clark und Andy Bell hat die Zeit nicht gut überdauert; Williams’ Reifung vom Take-That-Boy zum (ja doch) Entertainer wird vor dieser Folie noch deutlicher.

Dann kommt – die Inszenierung ist an Boxkämpfe angelehnt, gigantische Robbie-Silhouetten in Boxer-Pose beidseits der Bühne dienen als Projektionsflächen – die Auftrittsmusik: „God Save Our Robbie“ zur Melodie von „Land of Hope and Glory“, eine gnadenlos überzogene Eloge auf den Champion (samt Drogenkrisen, Entziehungskur und angeblicher Größe seines Geschlechtsorgans).

Williams steckt von George Michaels „Freedom“ über ein Mitsing-Medley aus 90er-Hits und „Something Stupid“, bei der eine Dame aus dem Publikum die Nancy Sinatra beziehungsweise Nicole Kidman mimen darf, bis zu Cab Calloways „Minnie The Moocher“ mit angeeigneten Songs die Grenzen seines Imperiums ab.

„Sweet Caroline“ mit Papa Pete ist die Spitze dieses Eisbergs. Familie Williams zerbrach, als Robbie drei Jahre alt war; Daddy tingelte als „Pete Conway“ singend durch Ferienclubs. Aus Gesten wie dem Auftritt mit Papa speist sich Williams’ Ausstrahlung: der tätowierte Muskelkerl mit dem längst nicht mehr jungenhaft glatten Gesicht, der von seinen Kindern erzählt, Muttis und Vatis grüßt und jeden Macho-Spruch weichlächelt. Selbst dem latenten Sexismus der Unterwäschetanzmädchen nimmt Robbie die Spitze, wenn er den eigenen Rock lüftet und den trainierten Hintern wackeln lässt (schwarzer Slip).

Und natürlich die eigenen Songs, meist gemeinsam mit dem langjährigen Weggefährten Guy Chambers geschrieben, oft großmäulig autoironisch: „Let Me Entertain You“, „Come Undone“, „Monsoon“, „Rudebox“, „Feel“, „Rock DJ“, „Kids“; vom jüngsten Album „The Heavy Entertainment Show“, „Love My Life“ und „Party Like A Russian“; auch „She’s The One“, das er nicht geschrieben, aber bekannt gemacht hat. „Angels“ lässt er weitgehend vom Publikum singen. Frauenstimmen dominieren. Oft gesehen: Mutter-Tochter-Kombis.

Wohin soll sich ein Musiker entwickeln, der sich mit 43 Jahren von Swing bis Rap schon alles einverleibt hat? Nach ein wenig knappen anderthalb Stunden kommt „My Way“. Hat Williams schon vor gut 15 Jahren stilvoll gecovert. Aber heute ist er Sinatra nicht gewachsen. Er singt den Song unvollständig, fast lustlos, nuschelt über offenbar vergessene Zeilen. Auch Robbie Williams ist nicht perfekt. Irgendwie beruhigend.

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