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„Rituals“ mit der HR-Bigband: Aus allen Notfällen eine Tugend gemacht

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Von: Hans-Jürgen Linke

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Die HR-Bigband mit Jim McNeely (Mitte).
Die HR-Bigband mit Jim McNeely (Mitte). © HR/Dirk Ostermeier

Die HR-Bigband unter Jim McNeely widmet sich mit Chris Potter unter anderem einer Strawinsky-Bearbeitung.

Es sind vom ersten Augenblick an die Farben, die eindringlich und überraschend reich das Hörbild prägen, und das ist nicht völlig selbstverständlich. Dass eine Bigband heute mit Polyrhythmik kompetent umgehen kann, sollte man erwarten, da liegt Igor Strawinskys 1913 in Paris uraufgeführtes Ballett „Le sacre du printemps“ durchaus im Kompetenzbereich. Aber Strawinsky hatte auch von Debussy und Ravel viel übernommen und fand und erfand für sein drittes großes Ballett eine Palette an Klangfarben, die es bis dato in dieser Zusammenballung noch nicht gegeben hatte.

In dieser Hinsicht hat Jim McNeelys Komposition/Arrangement für die Bigband, deren Chefdirigent er ist, Neuland betreten. Ein Orchester, hat McNeely einmal gesagt, sei etwas mit Saiteninstrumenten. Die hatte er hier nicht zur Verfügung, aber was er mit dem, was da war, erreicht hat, ist erstaunlich.

Zusammen mit dem britischen Saxofonisten Chris Potter entstand im Studio des Hessischen Rundfunks ein Album, das etwa zur Hälfte aus einer freien, aber verbindlichen und intensiven Verarbeitung des „Sacre“ für die klanglichen Möglichkeiten einer Bigband besteht.

Das Album:

Jim McNeely & Frankfurt Radio Bigband: Rituals. Double Moon/ Challenge Records.

Sie umfasst zwei Suiten zu je drei Partien, die erste trägt den Titel „Adoration 1 – 3“, die zweite „Sacrifice 1 – 3“; beide Suiten hat McNeely zu einer Art Meta-Suite unter dem Titel „Rituals“ zusammengefasst. Darauf folgen vier Kompositionen von Chris Potter, die ihn und einige Mitglieder der Band – Steffen Weber, Tony Lakatos, Heinz-Dieter Sauerborn und Axel Schlosser – als Solisten präsentieren und die viel von McNeelys Farbspielen gelernt haben.

Natürlich fehlen im Orchester die Streicher, vielleicht auch die eine oder andere spezielle Perkussions-Farbe; an äußerst nuancierten Blasinstrumenten hingegen mangelt es nicht. Und es ist bewundernswert, wie McNeelys Arrangements aus allem, was als klanglicher Notfall thematisierbar wäre, eine Tugend zu machen vermögen. Denn natürlich hat er keine historisch korrekte Klangsprache als Zielvorgabe – wer so etwas hören will, kann getrost zu François-Xavier Roths feinsinnig-wuchtiger Aufnahme mit seinem Orchester Les Sciècles greifen. McNeely versucht sich in einem anderen Gewerbe: der Klangsprachen-Übersetzung.

Seine Arrangements kreieren eine Farbenpalette, wie sie in der Bigband-Welt bis dato nicht vorkamen. Manchmal ist man erstaunt, aus welch einfachen Komponenten eine solche Mischung entstehen kann, und manchmal ist man erstaunt, was er an Eigenheiten und Differenzierungen aus dem traditionell metallenen Ensembleklang zu zaubern weiß – und was Chris Potters Phrasierungen noch dazutun.

Die zwei Suiten folgen nicht schrittgetreu Strawinskys Dramaturgie. Ans Ende hat MacNeely einen versöhnenden „Rebirth“-Schluss gesetzt, der sich von der Opferthematik entfernt – wenn auch nicht ganz so weit wie Bernhard Gander mit seiner 2013 in Frankfurt uraufgeführten Komposition „Take Death“, in der (eine Art Quentin-Tarantino-Idee) die geopferte Jungfrau zurückkehrt und schreckliche Rache an ihren Peinigern nimmt. „Rebirth“ entspricht McNeelys Temperament und wird vom Solisten Chris Potter eindrucksvoll glaubhaft gemacht.

Ach, und vergessen wir nicht über der wunderbar eigenständig gelungenen Strawinsky-Übersetzung Chris Potters Bigband-Stücke, die die zweite Hälfte dieser rundherum empfehlenswerten Aufnahme bilden.

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