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Sonny Rollins mit dem Riesenton aus dem Tenorsaxophon.
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Sonny Rollins mit dem Riesenton aus dem Tenorsaxophon.

Sonny Rollins

Der Riesenton

  • VonHans-Jürgen Linke
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Dieses ofenrohrig volle, breite, rußige Röhren, dieser kraftvoll raue, manchmal etwas vulgäre, klanglich stets vieldeutige, in den Höhen schmutzige, in den Tiefen ruppig-runde und energetisch immer eindeutig extravertierte Riesenton ist seit je sein Markenzeichen.

Am Anfang war das Tenorsaxofon, und dem Tenorsaxofon gehörte die Intro. Die Intro klang so wunderbar, dass sich alle schon auf den Rest des Konzerts freuten. Auch im Sommer in Brasilien hatten sich alle gefreut, das Publikum begrüßte die Intros jubelnd, und wenn man dem Tournee-Tagebuch auf Rollins' Website glauben kann, steigerte sich die Freude im Laufe der Konzerte immer zu wahren Begeisterungsstürmen. Die Band, Sonny Rollins und das Programm sind die gleichen geblieben, was also soll schief gehen auf der jetzt in der Alten Oper Frankfurt gestarteten Deutschland- und Schweiz-Tournee?

Sonny Rollins' profunder Tenorsaxofon-Ton ist die Attraktion. Dieses ofenrohrig volle, breite, rußige Röhren, dieser kraftvoll raue, manchmal etwas vulgäre, klanglich stets vieldeutige, in den Höhen schmutzige, in den Tiefen ruppig-runde und energetisch immer eindeutig extravertierte Riesenton ist seit je sein Markenzeichen. Rollins hat es gepflegt, es hat sich in all den Jahrzehnten nicht abgenutzt, und er kann immer noch kürzere Passagen zirkularbeatmen. Trotz seiner 78 Jahre und gegen seinen nicht mehr ganz sicheren und alles andere als elastischen Gang erhält er mit diesem Ton das Bild des immer noch kraftstrotzenden Altmeisters aufrecht. Das macht dem Publikum einen Riesenspaß, da weiß man, was man hat und wie man selbst älter werden möchte: im bleibenden Vollbesitz seiner Möglichkeiten.

Nach der herzerwärmenden Intro fädelt sich die Band ein, nach und nach: drei Rhythmiker - Bob Cranshaw am E-Bass, Kimati Dinizulu, Percussion, Kobie Watkins, Schlagzeug -, Bobby Broom an der halbakustischen Gitarre und Clifton Anderson an der Posaune. Zurückhaltend begleitet die Band Sonny Rollins' erstes Solo. Ein sehr schönes Solo, konsequent gebaut, nicht mit einer rüden Steigerungsdramaturgie, sondern mit Windungen, Wendungen, Rückblicken, Zitaten und Selbstzitaten aufgeladen - und manchmal ist auch dieser Rollins'sche Riesenton ein Zitat, mit dem er eine Phrase beendet -, durch kleine Zurücknahmen auf weitere Steigerungen deutend, die dann selbst wieder in Zurücknahmen einmünden, zeigt Rollins nicht nur den Willen zur kraftvollen Selbstdarstellung, sondern auch eine sympathisch altersweise Art, mit den eigenen Kräften dramatisch und vernünftig zugleich umzugehen. Die Kräfte müssen schließlich nicht nur bis zum Ende des Solos reichen, sondern mindestens bis zum Ende der Tournee. Niemand soll enttäuscht werden, alle sollen ihren Sonny Rollins bekommen.

Darum kommt endlich auch der Rest der Band zum Zuge. Clifton Anderson etwa spielt eine sehr weiche, narrative Old-Style-Posaune, für deren Klang Jay Jay Johnson das Vorbild abgegeben haben könnte. Könnte, denn es fehlt dann doch das Flüssige, die Eleganz, das Bezwingend-Melodische. Je länger das Solo dauert, desto mehr fehlt all das, und umso stärker drängt sich der Eindruck auf: Es sind nicht die Klangvorstellungen, die hier fehlen, sondern etwas sehr Schlichtes und sehr Wichtiges: Ideen. Nach einem kurzen Band-Intermezzo gibt dann Bobby Broom an der Gitarre den Jim-Hall-Imitator, aber wieder: ohne dessen melodische Ideen, ohne dessen Souveränität, mit auswalzender Beharrlichkeit.

Keine schöne Überraschung

Was ist los? Wollen sie nicht mehr? Dürfen sie nicht? Oder können sie einfach nichts anderes?

Gut: Es ist ein Sonny-Rollins-Konzert, niemand soll dem Meister den Platz im Scheinwerferlicht streitig machen. Aber wäre eine gute Band wirklich hinderlich bei der Selbstinszenierung einer Legende? Warum sonst hat Sonny Rollins fünf so mediokre Mitmusiker auf die Bühne geholt? Der einzige Vorteil, den diese Konstellation für ihn hat, ist die Tatsache, dass es ihm keine Mühe macht, sich von ihnen Musikern positiv abzuheben. Der größte Nachteil aber: Mit zunehmender Konzertdauer wird alles immer langweiliger und vorhersehbarer. Balladen und etwas schnellere Stücke, natürlich auch Karibisches darunter, wechseln sich schematisch ab, den schönen (aber, ja, leider manchmal auch wirklich etwas zu ausgedehnten) Soli des Bandleaders folgen wohlüberlegte, immer etwas lahme Soli der anderen Musiker, uninteressante Einwürfe vom E-Bass, schnell verebbende Perkussions-Phrasen, und wenn es zwischendurch mal um schlagfertige Acht-Takte-Call-and-Response-Phasen geht, etwa zwischen Sonny Rollins und Kobie Watkins, kommt vom Schlagzeug immer nur schnelles Geknattere, wenig Eigenes, nichts Überraschendes. Und das ist die eigentliche Überraschung des Sonny-Rollins-Konzerts: dass es ohne Überraschungen bleibt. Das ist keine schöne Überraschung.

Sonny Rollins muss niemanden mehr überraschen wollen. Ein Musiker seiner Kragenweite darf und soll sich selbst zitieren, er muss seine Originalität nicht immer wieder neu erfinden, die "Freedom Suite" von 1958 werden wir ihm ohnehin nie vergessen. Aber er könnte alles, bitte, in einem etwas angemesseneren Kontext tun. Der Größte ist er sowieso, der alte Saxofon-Colossus. Er muss sich nicht auf die Schultern von Zwergen stellen.

Sonny Rollins auf Tournee: 28. November in Hamburg, 1. Dezember Berlin, 4. Dezember Düsseldorf, 6. Dezember München, 9. Dezember Zürich.

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