Alte Oper

Riecht wie jugendlicher Geist

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Der plaudernde Pianist und Entertainer Chilly Gonzalez in Frankfurts Alter Oper

Nach zwei Stücken – Medleys aus seinen Piano-Solo-Alben – lehnt Chilly Gonzales sich zurück, trinkt einen Schluck. Seine Stimme kommt aus den Lautsprechern: „Die haben noch gar nicht gemerkt, dass ich kein Wort gesprochen habe. Vielleicht spiele ich einfach weiter und rede nicht.“ 2009 hat Gonzales mal ein mehr als 27 Stunden langes Dauerkonzert gegeben.

Er redet dann doch. Geplauder als hohe Kunst ist Gonzales’ Medium. Er plaudert in seinen Conferencen, er plaudert auf den Tasten des Flügels, und er plaudert, wenn er rappt. Denn auch das gehört zu diesem Klavierabend in der Alten Oper: Rap zum Metronom und Rap zum Klavier. Mit Rap-Alben wurde Gonzales bekannt, um die Jahrtausendwende in Berlin.

Die drei Piano-Solo-Alben, die seit 2004 zwischen sehr unterschiedlichen anderen Projekten folgten, gehören lose in das Genre der Neoklassik. Im Gegensatz zu namhaften italienischen und isländischen Vertretern der Sparte beschränkt Gonzales sich aber nicht auf die Wiederholung banaler musikalischer Gedanken ad nauseam; er jagt seine Motive von einer Variation in die nächste. Kaum ist ein Muster durchschaut, bricht er es schon wieder.

Jason Charles Beck, so sein bürgerlicher Name, sitzt wie meist in Bademantel und Pantoffeln am Flügel. In leisen Passagen kriecht er in die Tastatur, Akkorde drückt er mit Kraft hinein, und wenn er Basscluster berserkert, bebt der Bechstein. Ein bisschen Musiktheorie gehört dazu, Gonzales moderiert eine „Pop Music Masterclass“ bei 1Live und veranstaltet das „Gonzervatory“, einen Musik-Performance-Workshop. Auch hier erklärt er, wie die Komponisten J. S. Bach, K. Cobain und B. Spears mit dem selben Kniff, einer Verschiebung eines Motivs um wenige Töne, Hits geschrieben haben: „Riecht wie jugendlicher Geist“ und „Schlag mich Kind noch einmal“ – besser bekannt als „Smells Like Teen Spirit“ und „Hit Me Baby One More Time“.

Der Wahlkölner aus Kanada spricht englisch-deutsches Kauderwelsch. Mit dem Album „Solo Piano III“ habe er sich vom Entertainer zum Künstler entwickelt, behauptet er, um sogleich zu kokettierten: Er klinge wie Chopin, „aber Chopin von Aldi“. Tatsächlich ist er einer dieser raren Vögel: Entertainer und Künstler zugleich.

Die Cellistin Stella Le Page und den Schlagzeuger Joe Flory hat er für einige Stücke dabei, „Cello Gonzales“ etwa und den Rap „The Grudge“. Die zartesten Momente entstehen, wenn alle drei im Satz singen. Den meisten Applaus aber bekommen energische Kompositionen wie „Knight Moves“. Man könnte um den Flügel fürchten. Er hält durch.

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