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„Richard Wagner und das deutsche Gefühl“: Architektur der Angst

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Von: Arno Widmann

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Verführung, wie man sich das so vorstellte: Tannhäuser im Venusberg auf einer anonymen Zeichnung, 1861. Foto: Peter Schälchli, Zürich
Verführung, wie man sich das so vorstellte: Tannhäuser im Venusberg auf einer anonymen Zeichnung, 1861. © Peter Schälchli, Zürich

Die große Ausstellung „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin hält sich ausgerechnet beim Thema Antisemitismus zurück.

Raphael Gross, Präsident des Deutschen Historischen Museums (DHM), berichtet im Katalog zur Richard-Wagner-Ausstellung: „Am Anfang stand die Idee, eine historische Ausstellung zum Thema ‚Kapitalismus‘ zu machen. Es handelt sich offenbar um einen Begriff, der viele bewegt. (...) Je länger wir diskutierten und recherchierten, was Teil einer solchen Ausstellung sein müsste, desto mehr zersplitterten Thema und Begriff. Mit dem Ausdruck ‚Kapitalismus‘ wurden im Lauf der Geschichte sehr verschiedene Phänomene bezeichnet.“

So viel Ehrlichkeit ist entwaffnend. Wenn man ihr denn glauben könnte. Begriffe sind dazu da, das weiß niemand besser als die Historiker, sehr verschiedene Phänomene zu bezeichnen. Das gilt für jeden Begriff. Mit dem Gross’schen Argument bewaffnet könnte man jede Ausstellungsidee killen.

Statt der viel zu komplizierten Kapitalismus-Ausstellung, entschied sich das Deutsche Historische Museum für zwei Ausstellungen: für Richard Wagner und Karl Marx. Beide sind Gegner des Kapitalismus, der eine von rechts, der andere von links. Eine interessante Konstellation. Ein sehr schönes Thema. Heute aber erst einmal zur Richard-Wagner-Ausstellung. Es ist das erste Mal, dass das DHM einem Musiker eine Sonderausstellung widmet. Man ist versucht zu sagen: Auf der Flucht vor dem Kapitalismus ist das DHM in der Musik gelandet. Ein sehr deutscher Weg, der irgendwann einen anderen Ausstellungsmacher inspirieren wird.

Die Wagner-Ausstellung hat vier Kapitel: „Entfremdung“, „Eros“, „Zugehörigkeit“, „Ekel“. Das ist weder spezifisch deutsch, noch gar „wagnerisch“. Es sind die Etappen eines fast jeden Lebenslaufes: Man wächst hinein in eine fremde Welt, dann kommt die Liebe, damit Gemeinschaft, Ehe, Familie und nach ein paar Jahren der Ekel über das, was aus einem geworden ist. Da ist sie: die alles noch einmal infrage stellende Midlife-Crisis.

Ich habe schon verstanden, dass das hier nicht so gemeint ist. Die 1830er- und 1840er-Jahre sind die, so erklärt uns die Ausstellung, in denen der Begriff der „Entfremdung“ überall diskutiert wurde. Was damit bei Wagner genau gemeint ist, das erklärt der Katalog so: „Während bei Marx die Pointe des Entfremdungsbegriffs gerade darin liegt, dass das Fremde ein (nicht als solches erkanntes) Eigenes ist, denkt Wagner oppositionelle Kräfte: Es gibt das Eigene (z. B. Natur, Volk, Innerlichkeit), das durch das Fremde (z. B. Staat, bürgerliche Öffentlichkeit, Kapital) unterjocht, ausgenommen und sowohl des Bewusstseins seiner selbst wie seiner eigentlichen Ausdrucksformen beraubt wird.“

Wagner spricht also nicht von Entfremdung, sondern von dem Kampf ums Eigene gegen das Fremde. Weder in der Ausstellung noch im Katalog habe ich einen Satz gefunden, in dem Wagner den Begriff „Entfremdung“ benutzte. Das ist kein Argument dagegen, eine Abteilung der Ausstellung „Entfremdung“ zu nennen. Es wäre nur wichtig, deutlich zu machen, dass es eine von der Ausstellung an Wagner herangetragene Kategorie ist, die seine Krankheit – nämlich sich als vom Fremden umzingelt zu begreifen – als eine der Epoche beschreiben möchte.

Man hat es bei Richard Wagner, das wird einem beim Gang durch die Ausstellung nicht so klar wie bei der Lektüre des Katalogs, mit einer Person zu tun, die sich noch auf der Höhe des Erfolgs als angefeindeter Außenseiter empfindet. Selbst als er ein eigenes Theater hat – keiner seiner europäischen Konkurrenten hatte ein „Bayreuth“ –, fühlte er sich noch immer verfemt.

Der Verdacht liegt nahe, dass in diesem unersättlichen Hunger nach Anerkennung viele der Deutschen, die ja erst 1871 zu Deutschen geworden waren, sich wiedererkannten. Die anderen hatten sie kleingehalten und wollten sie weiter kleinhalten. Wagner suhlte sich im Ressentiment und mit ihm die junge deutsche Nation. Sie älter zu machen als sie war, war eines der Ziele von Wagners tief in die Geschichte ausschweifenden Erzählungen.

Religion sei das Opium des Volkes, erklärte Karl Marx. Inzwischen wissen wir: Das Volk nutzt jedes Opiat, auf das es Zugriff hat. Aber besonders gerne auch solche, auf das ihm der Zugriff verwehrt wird. Der Marxismus selbst wurde auch zu einem solchen Opiat, und Wagner wusste natürlich, dass zur Rauscherzeugung sich Cocktails besonders gut eignen. So mischte er Musik und Liebe, Musik und Religion, Musik und Untergang.

Zum Gesamtkunstwerk gehört das Vermögen, nicht nur alle Künste zu mixen, sondern auch, sie einzusetzen als Treibmittel einer gesellschaftlichen Entwicklung. Und umgekehrt natürlich auch, die gesellschaftliche Entwicklung umzusetzen in ein Opiat. Das tat Wagner, immer wieder neu. Die den Einzelnen und die Gesellschaft auflösende Gewalt der Liebe – das ist „Tristan und Isolde“. Über die „Meistersinger“, den „Lohengrin“, die „Götterdämmerung“ bis zum „Parsifal“ werden immer neue Mixturen gebraut. In der Gewissheit: Was immer er zu Musik machte, würde großartig sein. Und immer noch weit großartiger als seine begeistertste Anhängerschaft ahnte.

Dass der Liebesrausch eins ist mit dem der Religion, dass die totale Machtentfaltung die Welt in den Abgrund reißen und dass aber er – Richard Wagner – das alles überleben würde, dieser Wahn hatte viele in Deutschland ergriffen. Dass er zusammenging mit einem heftigen, von seinem Autor nie infrage gestellten Antisemitismus, beflügelte Wagners Erfolg. Nicht nur bei den Deutschen.

Man wird Wagners Antisemitismus nicht gerecht, wenn man ihn nach hinten in die Ausstellung schiebt in die Abteilung „Ekel“, die mit dem Satz eingeleitet wird: „Gemeinschaften zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie ausgrenzen, was sie als nicht zugehörig empfinden.“ Es geht gerade nicht nur um Gemeinschaften. Es geht um den Einzelnen, der genau dasselbe tut. Auch er konstituiert sich durch das, was er ausschließt. Richard Wagner bot sich an als Modell. Er führte vor, wie man die Auflösung des Ich und seine Panzerung zugleich betreiben kann. Zu Wagners Antisemitismus finden sich in der Ausstellung 17 Zeilen. Über ihnen steht „Ausschließen“. Dazu eine Seite aus Wagners Handschrift zu seiner Broschüre „Das Judenthum in der Musik“. Ich konnte erkennen, dass er heftig darin korrigiert, aber nicht, was er wie verändert hat. Ich werde zum Augenarzt gehen. Aber vielleicht wäre es auch anderen eine Hilfe, das Blatt in einer vergrößerten Version zu zeigen.

Der Regisseur Stefan Herheim spricht in der Ausstellung in einem Video über Richard Wagner. Der habe an einer „Architektur der Angst“ gearbeitet. Das leuchtete mir sofort ein. Dieses Riesengebäude der Wagner’schen Oper, ein vollendetes musikalisches „Germania“, türmt immer mächtigere Mauern gegen immer mächtiger werdende Feinde auf. Die Kunst nimmt den Kampf auf gegen den Weltenlauf, und es ist ganz klar, dass sie keine Chance hat. Aber in dieser Angst erkennen sie sich wieder – das Volk und auch die, die in Wagners Augen nicht zu ihm gehören.

Wie zu Wagner sein Antisemitismus gehört, so gehören zur Wagner-Rezeption die ihn unterstützenden Juden. Der Wagner-Enthusiast Thomas Mann war verheiratet mit Katia Pringsheim, Tochter einer jüdischen Familie von Wagner-Begeisterten, die den Meister finanziell kräftig unterstützte. In Wagners monumentaler „Architektur der Angst“ fanden sich Täter und Opfer wieder, und sie tun es noch immer. Darüber schweigt die Ausstellung.

Deutsches Historisches Museum, Berlin: bis 11. September. www.dhm.de

Der steckbrieflich Gesuchte. Foto: Oesterlein Sammlung/Thüringen Museum Eisenach
Der steckbrieflich Gesuchte. © Oesterlein Sammlung/Thüringen Museum Eisenach

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