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"Vor allem erlebten wir in London die Freiheit, dass jeder sein Leben so führen konnte, wie er es für richtig hielt. Wir sind von einem Extrem ins andere gegangen", erzählt Gilberto Gil.

Gilberto Gil

"Rhythmus ist der Ursprung von allem"

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Gilberto Gil rief den Tropicalismo ins Leben und elektrifizierte den Samba. Ein Gespräch mit dem Musiker, der einige Jahre Kulturminister Brasiliens war.

Gilberto Gil, die Welt kennt Sie als Paten des Samba — aber von 2003 bis 2008 waren Sie auch Kulturminister Brasiliens. Wie blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Ich habe mich neben vielem Anderen auch für eine Liberalisierung des Internets eingesetzt. Als Künstler in Brasilien habe ich vor allem die unglaublichen kommunikativen Möglichkeiten gesehen, die das neue Medium mit sich gebracht hat. Es fühlte sich an wie eine demokratische Revolution. Wir alle malten uns aus, wie wir uns vernetzen und begegnen könnten — in einem der flächenmäßig größten Länder der Erde, mit einer großen Kluft zwischen arm und reich. 

Der Erfinder des Internets, Tim Berners-Lee, hat diese Utopie kürzlich dramatisch in Frage gestellt. Er warnt vor zu wenigen Monopolisten im Internet, die darüber bestimmen können, welche Beziehungen und Inhalte in Zukunft möglich bzw. sichtbar sein werden — und welcher Gefahr demokratische Gesellschaften hierdurch ausgesetzt sind.
Er hat leider völlig Recht. Die Gleichheit, die das Internet einst versprach, wird derzeit von einigen wenigen Internet-Giganten erodiert. Hinzu kommt die Unfähigkeit vieler Regierungen, weise, regulierende Gesetze zu entwickeln, die diesen Monopolisten Einhalt gebieten könnten. Denn Politik sollte immer für die Menschen sein und stets darum bemüht sein, ein lebenswertes, freies Umfeld zu schaffen, in welchem die Menschen sich weiterentwickeln können. Wir erleben es derzeit, wie gezielt über soziale Medien verbreitete Propaganda demokratisch gewählte Regierungen in Bedrängnis bringen kann.

Bedauern Sie es, dass Sie nicht mehr Kulturminister sind und keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge und die Gesetze mehr haben?
Nein, nein! Ich bin ehrlich gesagt froh, wieder einfach nur Musiker zu sein. Ich bin jetzt 75 Jahre alt und habe sechs Jahre meines Lebens gegeben, um meinem Land in der Politik zu dienen. Rückblickend habe ich mein Amt auch dazu genutzt, um meinen Landsleuten die Komplexität einiger Ideen und Konzepte schonend beizubringen, damit sie anschließend aufgeklärter handeln und urteilen können. Das vermisse ich schon ein wenig. Aber ich bin ja auch noch Sänger und Musiker — und auch wenn mir Präsident Lula damals zugestanden hatte, dass ich einen Monat im Jahr Konzerte geben und Platten aufnehmen durfte, so hat doch meine Karriere als Sänger ein wenig unter dem Ausflug in die Welt der Politik gelitten.

Sie gehören zu den wenigen Menschen in Brasilien, die in ihrem Leben sowohl Teil der Regierung gewesen sind — und die unter dem Militärregime 1969 verhaftet und anschließend ins Londoner Exil geschickt worden sind.
Als die Junta das Land übernahm, hatten wir mit einem Mal mehr Angst vor der Polizei als vor den Kriminellen. Dass Caetano Veloso und ich 1970 ins Exil gehen mussten, war die Konsequenz unserer vorangegangenen Aktivitäten. Wir waren ja als Köpfe der Tropicália-Bewegung Multiplikatoren der Idee einer freien Welt. Und das reichte, um uns aus dem Verkehr zu ziehen. 

Paradoxerweise erlaubte man Ihnen 1970 schließlich, in Salvador de Bahia ein Konzert zu geben, um das nötige Geld für die Flugtickets ins Londoner Exil zu erwirtschaften…
Ja, das war eine absurde Situation. Wir waren im Gefängnis, als uns ein Militär darum bat, das Land zu verlassen — und er ließ sich tatsächlich darauf ein, dass wir ein Konzert geben durften. Das haben wir im Juli 1969 in einem alten Theater vor vielleicht 3 000 Zuschauern aufgezeichnet und nach dem Ende der Diktatur auch als Platte veröffentlicht: „Barra 69“.

Als Sie dann in England eintrafen, erlebten Sie die letzten Tage des Swinging London.
Das war fantastisch! Wir realisierten, dass wir uns im Epizentrum einer Revolution der Kunst, der Musik und der Mode befanden. Und trotzdem waren wir im Exil, weit weg von zuhause und unseren Familien und Freunden. Und was die in England als „Sommer“ bezeichneten — na ja! Vor allem erlebten wir in London die Freiheit, dass jeder sein Leben so führen konnte, wie er es für richtig hielt. Wir sind von einem Extrem ins andere gegangen. In den drei Jahren, die ich in London bleiben musste, lernte ich die E-Gitarre lieben und sog den Spirit der Rock’n’Roll-Kultur in mir auf. Kreativ gesprochen, hätte mir damals nichts Besseres passieren können als das Exil in London. Caetano indes litt sehr in der Fremde.

Wie beeinflusste London Ihre Freundschaft zu Caetano Veloso?
Wir waren durch das Schicksal im Exil zusammengewürfelt worden. Das schweißt zusammen. Die brasilianische Community in London war nicht allzu groß. Das erste Jahr lebten wir zusammen in einem Haus in Chelsea. Das half vor allem Caetano, mit seiner Saudade besser klarzukommen. Wir wurden ständig besucht von Freunden aus Brasilien, in unserem Haus war ein Kommen und Gehen wie in einem Bienenstock.

Als Sie die Tropicália-Bewegung ins Leben gerufen haben, waren Sie bereits beeinflusst von den Beatles und den Rolling Stones. In London trafen Sie diese Musiker persönlich.
Caetano und ich wurden herumgereicht. Wir trafen David Bowie, Bob Dylan, Miles Davis, David Gilmour, Yoko Ono, John Lennon und wen nicht alles. Sich mit denen austauschen zu können war schon toll. Wir haben auch gejammt, wo wir nur konnten, um die verschiedenen Spielarten des Rock’n’Roll, vom Rhythm’n’Blues über den Reggae bis zum Pop, zu lernen. Dabei ist man uns mehr als offen begegnet. Bob Dylan fragte sehr interessiert nach, wie gefährlich die Junta in Brasilien war, und Miles Davis erkundigte sich nach einem Musikerfreund: Hermeto Pascoal. Er war sehr besorgt, wie es ihm in Brasilien erging. Durch die Begegnungen mit all diesen hochinteressanten Künstlern hat sich meine gesamte Einstellung zum Leben und zur Musik nachhaltig verändert.

Als Sie dann 1973 wieder nach Brasilien zurückkehrten, haben Sie all Ihre in London gesammelten Erfahrungen eingespeist in die DNA der Samba-Musik. Sie haben Sie elektrifiziert und mit Reggae-Elementen versetzt. 
Mir ist in London durch meine Begegnungen mit Musikern aus der kreolisch-jamaikanischen Community klar geworden, dass wir es hier mit Musikstilen zu tun haben, die ursprünglich aus Afrika stammen — der Reggae, der Blues und auch der Samba. Diesen Diskurs hat es in dieser Klarheit in Brasilien zuvor so nicht gegeben. Dabei ist der afrikanische Einfluss auf die Musik, die Kultur und die Gesellschaft in Brasilien eigentlich offensichtlich, da die dem Samba zugrundeliegenden hypnotischen Trommelrhythmen aus der tribalen afrikanischen Religionsmusik stammen. Wir haben einen höheren schwarzafrikanischen Anteil an der Bevölkerung als beispielsweise die USA, Brasilien ist die größte afrikanische Enklave außerhalb des Mutterkontinents. Alles geht zurück auf die Sklavenverschleppungen aus Westafrika, vor allem Angola und dem Kongo, nach Lateinamerika. Dass Samba sich zur Volksmusik Brasiliens entwickeln konnte, liegt an diesen Ursprüngen. Der Samba ist die Musik der Favelas, die es bis in den weißen Mainstream geschafft hat. Noch heute befinden sich die große Mehrzahl der Sambaschulen in den ärmsten Stadtvierteln, den Favelas von Rio, Salvador und Recife.

Der Samba ist die Schlagader Brasiliens?
Unbedingt! Es handelt sich um einen tief in der Gesellschaft verankerten Lifestyle, nicht bloß um einen Rhythmus. Und dennoch ist der Rhythmus der Ursprung von allem. Hören Sie genau hin, und Sie werden feststellen, dass jede große Stadt, jede Region ihre eigene Spielart des Sambas pflegt, indem sie den Rhythmus individuell variiert, mit einem eigenen Stempel versieht. Der Bundesstaat Bahia im Nordosten Brasiliens gilt als die Wiege des Samba auf brasilianischem Boden. Unserem Verständnis nach können wir unsere alltäglichen Probleme im Sambatanz, im gemeinsamen Gesang transzendieren und vergessen. Die Probleme mögen für die Sklaven vor 300 Jahren größer und existenzieller gewesen sein als heute — andererseits gibt es immer auch eine gefühlte Lebenswirklichkeit, und die ist auch heute noch für viele Brasilianer schwer erträglich, trotz aller Fortschritte, die das Land in den letzten Jahren gemacht hat.

Vielleicht mögen Sie das Verhältnis von Samba zum Karneval beschreiben — da haben wir Europäer noch Nachholbedarf.
Ich bin aufgewachsen ins Salvador de Bahia, der Hauptstadt des brasilianischen Karnevals. Wenn wir den Karneval analytisch betrachten, dann stellen wir bald fest, dass diese Folge von Feiertagen den Menschen jeden Februar die Möglichkeit gibt, alle Sorgen und Probleme für eine ganze Woche hinter sich zu lassen. Die Misere wird quasi ins Positive gewendet: Man feiert das Leben und die Gemeinsamkeit. Hunderttausende Brasilianer besuchen Sambaschulen und bereiten sich das gesamte Jahr auf den großen Augenblick vor, an welchem sie bunt geschmückt an den Karnevalsumzügen teilnehmen. Das sind ohrenbetäubende, archaische Veranstaltungen, und die größte Tradition haben diesbezüglich die Städte Salvador de Bahia, Rio de Janeiro und Recife im Norden des Landes, in Pernambuco. Im Karneval wird Brasilien für einen Moment klassenlos: Alle, ob reich oder arm, stürzen sich zum Rhythmus des Samba in die brodelnde Menschenmenge und zelebrieren das Leben. Es ist ein einzigartiger Moment für die Gesellschaft und die Menschen.

Wo verbringen Sie persönlich am Liebsten die Karnevalszeit?
Traditionell in Salvador und in Rio. Dieses Jahr allerdings habe ich die Karnevalswoche erstmals in São Paulo verbracht. Das ist erwähnenswert, da die Paulistas, obwohl es sich bei ihrer Stadt um die größte Brasiliens handelt, traditionell als ausgesprochene Karnevalmuffel gelten. Tatsächlich hat sich São Paulo in den letzten zehn Jahren zu einem neuen Zentrum der Karnevalkultur entwickelt. Das passierte für uns alle völlig unerwartet. Und da nun einmal der Samba meine Musik ist, muss ich mir das vor Ort angucken und bin dort hin gegangen. Und dass man das heutzutage so unmittelbar mitbekommt, das liegt am Internet. Blitzschnell spricht es sich im ganzen Land herum, dass neuerdings ganz moderne Impulse aus São Paulo ausgesandt werden. Der Ball liegt also jetzt in Bahia. Meine Heimatstadt muss sich schleunigst etwas ausdenken, um sich nicht den Schneid nehmen zu lassen. Aber da bin ich ganz entspannt. Das bekommen die hin.

Interview: Max Dax

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