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Rheingau Musik Festival mit Andrés Orozco-Estrada – Präzise Gewalt

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Von: Bernhard Uske

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Andrés Orozco-Estrada dirigiert die Filarmonica Joven de Colombia. Foto: Ansgar Klostermann
Andrés Orozco-Estrada dirigiert die Filarmonica Joven de Colombia. Foto: Ansgar Klostermann © Ansgar Klostermann

Die Filarmonica Joven de Colombia und die Schwestern Labèque im Wiesbadener Kurhaus.

Zwei narrativ bestimmte Werke prägten das Gastspiel der Filarmonica Joven de Colombia, die nach fünf Jahren wieder beim Rheingau Musik Festival zu Gast war. Wie damals stand das ehrgeizige nationale Projekt der Förderung jugendlicher Talente unter der Leitung seines Chefdirigenten und Landsmanns Andrés Orozco-Estrada, der nach der Leitung des hr-Sinfonieorchesters jetzt eine Dirigierklasse an der Wiener Universität übernimmt.

Ein Auftrag für Grau

Zur Jahrtausendwende hatte der argentinische Komponist Osvaldo Golijov (62) eine Markus-Passion komponiert, die zugleich den 250. Todestag Johann Sebastian Bachs würdigen sollte. Damals war Gonzalo Grau, ein Multitalent in Sachen Arrangement, Komposition und Instrumentation aus Caracas, Assistent des Komponisten. Ihm hatten dann 2010 die geschwisterlichen Pianistinnen Katia und Marielle Labèque den Auftrag zu einer Suite aus jener Passion erteilt, in der zwei Soloklaviere eine konzertante Rolle spielen sollten.

Diese Suite namens „Nazareno“ kam jetzt im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Kurhauses Wiesbaden zu Gehör. Ein gut 30 Minuten langes, sechssätziges Werk, das laut Programmheft das Leben und Sterben Jesu zum Thema haben soll. Natürlich im Gewand typischer lateinamerikanischer Tanzrhythmik und Harmonik, die sich wie eine riesige Girlande im Sound bläsergewaltiger sanguinischer Impulsivität um den Klangkern schlingt. Entsprechend groß war die Begeisterung, einige im Publikum konnten sogar die off beats von „I like to be in America“ aus der „West Side Story“-Zugabe mitklatschen.

So harmonisch und auch ethno-fixiert wie bei Golijov-Grau ging es bei der Bohèmien-Klangnervosität von Hector Berlioz’ Symphonie fantastique natürlich nicht zu. Zu disparat erfolgen hier die Einschläge, Wechsel und Steigerungsszenarien in dem vom Satzraster her nahezu klassischen Werk, das sich so bildhaft und programmmusikalisch mutierend entwickelt. Eine großartige Erfüllung und gleichzeitige Sprengung des Sinfonieschemas.

Hatte das kolumbianische Orchester in „Nazareno“ mit den sich ins Zeug legenden Labèque-Schwestern die Passionspuppen tanzen lassen, so herrschte jetzt erstaunliche Distinktion in den Streichern, Holz- und Blechbläsern sowie dem schneidenden Schlagzeug. Eine Synthese aus Verhaltenheit und Plötzlichkeit, die nur ein strenges Regiment sich leisten kann und in den beiden letzten Sätzen (Gang zum Richtplatz, Hexensabbat) zu präzisester Gewalt sich steigern lässt.

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