Rheingau Musik Festival

Rheingau Musik Festival: Auf der Akkord-Wolke

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Das Rheingau Musik Festival endet mit Gustav Mahlers 4. Sinfonie und dem Birmingham Symphony Orchestra.

Eigentlich hätte man auch das Abschlusskonzert des Rheingau Musik Festivals in der diesjährigen Kategorie „Courage“ unterbringen können, denn der Finalsatz von Gustav Mahlers 4. Sinfonie, mit dem der Musiksommer im Rheingau zu Ende ging, hielt eine reizvolle Alternative zur gegenwärtigen Hitze des Gefechts um Meinungen und Deutungshoheiten bereit: „Wir genießen die himmlischen Freuden, / Drum tun wir das Irdische meiden, / Kein weltlich Getümmel / Hört man nicht im Himmel! / Lebt alles in sanftester Ruh’!“ Statt Floskeln einer Einmischungs-Courage hier der Kontrapunkt: die Ausmischung einer hedonistischen Metaphysik, die statt irdischer Händel die Entspanntheit eines guten Lebens visualisiert, in dem der Wein kein Heller kost’, man Fleisch essen darf und „tausend Jungfrauen zu tanzen sich trauen“.

So jedenfalls wird gesungen in dem Wunderhorn-Lied, das Mahler 1892 vertonte und acht Jahre später mit drei instrumentalen Sätzen zu seiner 4. Sinfonie verfertigte. Der himmlische Gesang des Sopran-Solos nach dem vorherigen, wie aus spöttischer Vogelperspektive besehenen, rumpelnden, klirrenden und tänzelnden Klanggeschehen hatte in der Basilika von Kloster Eberbach seinen Höhepunkt im dritten Satz. Jenem mit „Ruhevoll“ überschriebenen, in dem die mal jokose, mal nekrophil angehauchte Geschäftigkeit fast zum Stehen kommt.

Hier, im quasi gregorianischen Choralzeitmaß, trug die Akustik des steinernen Schiffs in schönstem Maß die gedankliche und atmosphärische Fracht. Die große Fallhöhe, vom Parsifal-Duktus über die Kindertotenlieder-Zitate bis zu den Turbulenzen eines drehschwindeligen Strudels – sie gerät in einen gigantischen Tutti-Auftakt wie für einen Walzer. Und der katapultiert couragiert die ganze Welten-Chose auf eine schimmernde Akkord-Wolke.

Bis zu diesem Moment des Durchbruchs hatte Mirga Gražinyté-Tyla, die 33-jährige Chefdirigentin des Birmingham Symphony Orchestras, stringente, die idiomatischen Schwankungen und Gemengelagen von high and low gut balancierende Führung gezeigt. Angespannt, aber ohne zu kurzen Zügel für die feinen Streicherlinien. Im nächsten Jahr feiert das Orchester aus Frankfurts britischer Partnerstadt übrigens seinen 100. Geburtstag.

Jedoch der Sprung über den Graben des irdischen Getümmels – er geriet verwaschen und kam statt einer Streckung eher einem Schlag in die Magengrube gleich. Der Behaglichkeit des „himmlischen Lebens“ mit den Gewährsheiligen Martha (Köchin), Cäcilia (Musik), Ursula (Tanz), Peter (Fischgericht) und Lukas sowie Johannes (Ochsen- bzw. Lammbraten) ging wiederum im zu scharfen Antritt einiges ab.

Zu hören war nochmals die Fokus-Künstlerin Christiane Karg, die zu Beginn zudem vier Orchesterlieder des 15-jährigen Benjamin Britten („Quatre chansons françaises“, 1928) vorgetragen hatte. Reizvolle Mixturen aus Elgar-Straussischen Elementen in einem Duktus, der Mahler gut vorbereitete.

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