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Rheingau-Festival endet: Ähnlich einer Klangmonstranz

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Von: Bernhard Uske

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Dirigent Christoph Eschenbach und die Bamberger Symphoniker im Kloster Eberbach.
Dirigent Christoph Eschenbach und die Bamberger Symphoniker im Kloster Eberbach. © dpa

Christoph Eschenbach und die Bamberger beenden mit Bruckners 8. Sinfonie das Rheingau Musik Festival.

Es waren 127 000 Menschen in 134 Konzerten in 25 Spielstätten – mit Stolz und Freude nannte Axel Wintermeyer, Chef der hessischen Staatskanzlei, in seinem Grußwort die nüchternen Zahlen dieses ersten wieder ganz normalen Rheingau Musik Festivals nach Corona.

Normalität herrschte auch beim sich anschließenden Abschlusskonzert, das wie immer in der prominentesten Festival-Abspielstätte, der Basilika von Kloster Eberbach, stattfand. Dort gibt es traditionellerweise immer ein finales Monumentalwerk, das heuer die Bamberger Symphoniker präsentierten.

Von Anfang an dabei

Jenes Orchester, das, wie Intendant Michael Herrmann in seiner Dankesrede sagte, von Anfang an dabei war, nämlich seit 1989, als einer der ersten „Sommer voller Musik“ stattfand.

Jetzt standen die Bamberger Symphoniker und Symphonikerinnen unter der Leitung von Christoph Eschenbach, dem die ehrenvolle, aber auch undankbare Aufgabe zufiel, in dem alles Kleine groß, alles Leise laut und alles Distinkte verschwommen machenden riesigen romanischen Kirchenschiff die Potenzierung eines von Haus aus schon kolossalen Finalwerks ins Gigantomanische zu verhindern: Anton Bruckners 8. Sinfonie nämlich. Hier kann bei den Klangrückwürfen des Tonnengewölbes schnell Akkordsäule über Akkordsäule stürzen und Klangsalve gegen Klangsalve ins Nebulöse zerstäubt werden. Feines Klanggewebe bretthart werden und zarte Figuration blechern klingen.

Den gewaltigen Nachhall bekam der 82-jährige Eschenbach oft in den Griff dank sehr langsamer Tempi, die besonders in den ruhigen Zonen des mehr als 80-minütigen Werks regelrecht Aha-Erlebnisse auslösten. Denn so breit genommen, kam die enorme Plastizität, die hier den Motivpartikeln und Intervallschritten voll tönend zuwuchs, der Profiliertheit dieser Satzteile zugute. Das Suspensionsfeld am Ende der Exposition des ersten Satzes mit seinem Zeitstillstand, das in Andacht versunkene Trio des Scherzos hatten so sehr eigenständige Charakter-Spannung.

Und ganz entschieden das Adagio des 3. Satzes, der nicht nur eine Art Prototyp der Langsamkeit des späten Mahler war. Die Bewegungszüge der Brucknerschen Erhabenheit, die sich wie riesige Langwellen aufladen zu einer eigentümlichen Qualität suggestiver Kontemplation, kamen da blendend zur Geltung. Zielstrebend zur sich konvulsivisch vollziehenden Elevation gleich einer Klangmonstranz.

Am Ende dröhnte es doch

So trefflich die Langwellen auch gelangen: bei den Kurzwellen war in dem Tonnengewölbe Eberbachs einfach nichts zu machen. Dass ausgerechnet hier, im Finalsatz mit seinen strettahaften Zügen, der Komponist all seine konstruktive Genialität ins donnernde und rasende Spiel bringt, musste man als Paradoxie dröhnender Unhörbarkeit resigniert zur Kenntnis nehmen.

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