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„Revolver“ von den Beatles: Jeder Song ein Treffer

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Von: Thomas Stillbauer

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1966: Paul McCartney (v. l. n. r.), John Lennon, Ringo Starr und George Harrison geben in Japan eine Pressekonferenz.
1966: Paul McCartney (v. l. n. r.), John Lennon, Ringo Starr und George Harrison geben in Japan eine Pressekonferenz. © AFP

Das überragend renovierte Beatles-Album „Revolver“. Und vor allem: Warum es so schwer geworden ist, neue Musikalben zu rezensieren.

Wann war das eigentlich, als es angefangen hat aufzuhören? Wahrscheinlich passiert es nicht allen. Sicher nicht. Aber vielen. Wann hat es beispielsweise bei den Eltern angefangen aufzuhören? Die hatten doch Elvis-Platten. Die hatten doch Queen-Platten, zerkratzt bis dorthinaus vom Bügel des Zehn-Platten-Wechslers. Stones. Cliff Richard. Die hatten „Help!“ von den Beatles im Schrank stehen, die Ausgabe mit dem Signet der Fernsehzeitung „Hörzu“. Die hatten doch mal im Hobby-Tanzpalast, so hießen die Schuppen damals, die Nächte durchgerockt. Wann haben sie aufgegeben?

Sie verzeihen bitte, das muss jetzt alles einmal raus. Aber zuerst die Beatles.

Die Beatles haben eine neue Platte, nein, die Beatles haben natürlich keine neue Platte – „Revolver“ ist renoviert auf dem Markt, gut 56 Jahre nach dem Erscheinen, und die für Beatles-Jubiläen zuständige Abteilung der FR hat immer noch nicht reagiert. Ist es denn ein Beatles-Jubiläum? Ein bisschen. Vor 60 Jahren verliebten sich die Charts in die erste Beatles-Single „Love Me Do“, aber das ist auch schon wieder Wochen her, dass das 60 Jahre her ist. Und „Love Me Do“ ist natürlich nicht auf „Revolver“ drauf.

Auf „Revolver“ ist „Love You To“ drauf, was gegenüber „Love Me Do“ musikalisch und textlich ein Riesensprung war, so wie die ganze LP ein Wahnsinnssatz war wie Bob Beamons 8,90 Meter zwei Jahre später in Mexiko. Von „Liebe mich/Du weißt, ich liebe Dich/Also bitte/Liebe mich“ zu „Liebe mich, solang Du kannst/Bevor ich ein toter alter Mann bin“ innerhalb von vier Jahren, und vom Beat zum komplexen teilorientalischen Klanguniversum. Die Beatles waren eine Wundermaschine. Daran kann man sich ruhig mal wieder erinnern.

„Revolver“ ist jüngst in diversen neuen Formaten erschienen. Das Album neu abgemischt: plötzlich echter Stereosound. Wie alle Welt weiß, bestand das ursprüngliche Beatles-Stereo darin, dass die Hälfte der Instrumente auf dem linken Kanal, die andere auf dem rechten Kanal lief und der Gesang in Mono mittig. So ungefähr, in Variationen. Wer jung und dumm war und seinen ersten Stereoplattenspieler geschenkt bekommen hatte, bei dem der Stecker der rechten Lautsprecherbox schon nach wenigen Tagen rausrutschte, ohne dass es bemerkt wurde, der glaubte eine Weile, da fehle doch generell so einiges am Gesamtsound dieser Gott-weiß-wie-berühmten Beatles.

Die Entdeckung des losen Steckers und als Resultat die Entdeckung des vollen Klangs ähnelte jenem Effekt, der nun entsteht, Jahrzehnte später: wenn man die remasterten Beatles-Songs hört, die stereo klingen, als wären sie vor vier Wochen mit moderner Studiotechnik eingespielt worden. Ein Folgewunder, das Giles Martin, der Sohn des einstigen Beatles-Produzenten George Martin, schon anderen Werken der fantastischen vier Liverpooler angedeihen ließ. Es ist großartig, es schenkt dem Aufbruch-Album von 1966 mit seinen neuen Tönen und rauschhaften Sequenzen einen zusätzlichen Zauber. Es erinnert auch Enthusiasten, denen der Enthusiasmus ein wenig abhandengekommen ist, daran, wie aufregend alles einmal war.

In den Konzertsälen, mit großen Augen und noch größeren Ohren. Daheim, mit den Schallplattenhüllen auf dem Schoß. Ein neues Album wurde fünfhundertmal am Stück gehört. Nichts war wichtiger. Fernsehen existierte praktisch nicht. Für drei Mark die englischen Punkbands im Club an den S-Bahn-Gleisen hören. Drei Mark! Ein Bier und praktisch blau, aber eher von der Sensation auf der Bühne, und wenn es nur irgendeine völlig unbekannte Combo von der Insel war. Egal.

Jeden Freitag und Samstag im Club an den Gleisen, zweites Zuhause. Mit siebzehn die endgültige Gewissheit: Als Vierzigjähriger kann ich auch sterben. Was soll das für ein Leben sein ohne den Club, ohne die Leute, ohne die Aufregung, die die Musik offenbar nur den jungen Leuten durch den Blutkreislauf jagte. Denn wo waren sie denn abends, die Vierzigjährigen? Weg. Es gab sie nicht, wo es uns gab. Es gab sie zu Hause vor den Fernsehgeräten. Und da wollte der Siebzehnjährige nicht hin.

Das Album:

The Beatles: Revolver. Apple (Universal). Viele verschiedene Varianten.

Später merkte er, dass sich das Vierzigsein hinauszögern ließ, sogar deutlich über die vierzig hinaus. Die Welt hatte sich verändert, viel mehr Leute als früher blieben sture Siebzehnjährige, oder sagen wir Siebenundzwanzigjährige, auch ein heikles Alter, und weigerten sich jahrzehntelang, musikalisch zu sterben. Aber das stand und fiel mit der Möglichkeit, Musik live zu erleben, live im Sinne von lebendig. Auf einer Bühne. Wie eng das zusammenhing, fiel anfangs gar nicht so sehr auf. Die Erkenntnis kam im Frühjahr 2020, und da kam sie schlagartig.

Zwar lauerte schon lange zuvor so ein Gedanke: Puh, Plattenkritiken, da bin ich in was reingeraten. Da musste man so furchtbar schnell urteilen. Schon nach ein-, zweimal hören statt nach fünfhundert. Das war ja wie bei dem Busenkumpel mit den unglaublich vielen Platten, der dir was vorspielte und nach zehn Sekunden fragte: Wie findste? Ja, was weiß denn ich, wie ich das finde? Das kann ich doch nach zehn Sekunden nicht sagen! Das muss ich doch länger hören! Wenigstens hundertmal.

Nein, Quatsch. Natürlich, irgendwann kann man es auch nach ein-, zweimal sagen, ob etwas gut ist. Wenn man das möchte, aber wie gesagt, ich bin da reingeraten, und ich habe es gern gemacht, aber jetzt merke ich: Ich habe es seit Monaten überhaupt nicht mehr gemacht.

Ich habe seit Monaten keine Plattenkritik mehr geschrieben. Keine Ahnung, ob das jemandem aufgefallen ist, aber: nichts mehr. In meinem Maileingang sind ca. 275 Alben, in die ich vereinzelt reingehört habe, über die ich aber nichts geschrieben habe. Es ging nicht. Entschuldige, Björk, Pardon, Jochen Distelmeyer, ein Jammer, The Damned, verzeiht, Casper, Duran Duran, Larkin Poe, Gary Numan, Garbage, Blondie, Biffy Clyro, aber es ging nicht.

Vermutlich interessiert es eh niemanden. Falls doch: Warum ging es nicht? Weil sich Musik auf der Bühne abspielt. Du kannst sie zu Hause hören, natürlich. Das ist toll. Oder es war toll. Aber wenn du dein letztes Rockkonzert in einer Halle irgendwann Anfang 2020 gesehen hast, weil du aufgrund einer speziellen gesundheitlichen Disposition während einer Pandemie nicht mehr in geschlossene Räume kannst, in denen sich viele Menschen aufhalten, dann fehlt etwas Entscheidendes. Wenn du früher drei, vier, fünf Konzertkritiken im Monat geschrieben hast und seit fast drei Jahren gar keine mehr, dann geht etwas kaputt.

Wie gut, dass die meisten Menschen einen Weg gefunden haben, mit der Pandemie umzugehen. Welch ein Segen für die Kultur, dass es wieder möglich ist, in Sälen Theater, Tanz, Film, Literatur, Musik gemeinsam zu erleben, sofern man nicht fürchten muss, unmittelbar daran zu versterben. Natürlich ist es nicht wie früher. Viele Bands spüren die Auswirkungen des Schocks bis heute. Kartenvorverkauf ist etwas für die Giganten der Szene. Die Kleinen können nicht anständig planen, weil das Publikum lieber kurzfristig entscheidet, ob es hingeht. Wer weiß, wie die Lage in drei Monaten ist. Wer kann das heute sagen.

Ohne die Aussicht, wie früher auch den direkten Kontakt zur Musik aufzunehmen, meinetwegen mit lärmlindernden Stöpseln, man wird ja auch als Berufs-Siebenundzwanzigjähriger nicht jünger – ohne den Kontakt zu lebender Musik ist das alles nichts. Eine harte Erkenntnis. Wenn ich mich also frage, wann das bei der Elterngeneration angefangen hat, vielleicht in den 1960ern, als die Kinder kamen, der Beruf anstrengend wurde, vielleicht just um das Erscheinen von „Revolver“ herum, welch eine Tragödie, ausgerechnet um die Zeit, als es mit der Musik so unfassbar spannend zu werden begann. Dann kann ich heute sagen: Für manche fing es mit Corona an aufzuhören. Manche können auch selbst nicht mehr anständig musizieren, weil Bandproben für die Vulnerablen schwierig werden. Weil der Schlagzeuger nach Corona erst mal nicht mehr richtig hören kann. Es schwindet die Nähe zur Musik. Alles wird fremd.

Aber hören Sie doch bitte mal das remasterte „Revolver“-Album. Hören Sie den Song „Tomorrow Never Knows“ im 2022er Mix. Es ist einfach grandios. Mit dabei in der Luxus-Edition sind auch viele spannende Proberaumversionen der Beatles, etwa von „Yellow Submarine“, von „Got To Get You Into My Life“ (noch ohne die Blasinstrumente) und sogar von „Paperback Writer“ mit diesem unsterblichen Gitarrenriff, obwohl der Song es gar nicht auf das Album schaffte. Was für eine überragende Platte. Man könnte glatt wieder Feuer fangen.

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