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Neil Young im kanadischen Québec auf der Bühne.

Neil Young

Neil Young & Crazy Horse: Mit „Colorado“ im Höhenrausch

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Fünfzig Jahre nach ihrem Debüt veröffentlicht Neil Young ein neues Album mit seiner Band Crazy Horse.

Für die Aufnahmen zu ihrem neuen Album „Colorado“ hatten sich Neil Young und Crazy Horse in die Bergwelt zurückgezogen. Das Studio in den Rocky Mountains lag in 2700 Metern Höhe. Sportmediziner schicken ihre Athleten in diese Regionen, um sie fit für den Wettkampf zu machen. Die Herzfrequenz beschleunigt sich, der Kreislauf wird aktiviert, vor allem aber verstärkt sich die Produktion roter Blutkörperchen. Für eine Band, die seit fünfzig Jahren mit mehr oder weniger langen Pausen zusammen ist, kann so ein Sauerstoffdoping ganz nützlich sein. „Colorado“ ist auf jeden Fall schon mal eine der besten Platten, die Neil Young in letzter Zeit veröffentlicht hat. Und das waren ja einige. Im jetzt zu Ende gehenden Jahrzehnt sind immerhin 16 Alben von ihm erschienen, darunter einige Liveaufnahmen, aber auch etliche Studioproduktionen, die so manch verzichtbares Liedgut offerierten.

Mit dem Gespür für den richtigen Moment hat Neil Young nun wieder jene Truppe zusammengetrommelt, die von jeher wie eine organische Ausweitung seiner selbst wirkt. Crazy Horse ist für Young mehr als eine Begleitband, es ist ein Körper, der in seiner Regie wie ein Instrument wirkt. Das Zusammenspiel der vier ist intuitiv. „Denken wäre tödlich für the Horse“, sagt Neil Young.

Neil Yound & Crazy Horse: Fünf Minuten Hoffnung, fünfzehn ein Höhenrausch

Neben Billy Talbot am Bass und Ralph Molina am Schlagzeug ist Nils Lofgren wieder dabei, der den nun pensionierten Gitarristen Frank Sampredo ersetzt. Lofgren hatte schon 1971 auf Youngs LP „After the Goldrush“ mitgewirkt. Seit vielen Jahren ist er als Gitarrist in Bruce Springsteens E Street Band ein Edelkomparse. Bei seiner Rückkehr zu Crazy Horse steht er buchstäblich im Zentrum. Denn Crazy Horse ist ein einziges Zentrum.

„Colorado“ wurde auf engstem Raum eingespielt, wovon ein Video zeugt, das die Arbeiten im Studio in den Wolken dokumentiert. „This is a band, not a fucking recording“, blafft Young den Toningenieur an. Alles sollte so wahrhaftig wie möglich auf die Bänder gebannt werden.

Es fängt ganz klassisch an, aber eigentlich ist bei Neil Young ja alles klassisch. Mundharmonika, Gitarre, Country. „Wenn du die Gänse am Himmel siehst, denk an mich“. Mit dem akustischen Song „Think of me“ verpasst Young jenen Hörern, die hier eine Fortsetzung seines monumentalen Werkes „Psycedelic Pill“ von 2012 erwarten, einen gewissen Dämpfer. Das große Gitarrenbesteck wird diesmal nur in drei bis fünf Nummern eingestöpselt, dann aber richtig. Zum Beispiel in „She Showed Me Love“, mit 13 Minuten das längste Stück des Albums.

Neil Young: Colorado.

„You might say I’m an old white guy“, singt er treffend. Und dann hebt der alte weiße Mann zu eine Tirade gegen andere alte weiße Männer an, die Mutter Natur zerstören. Das ist sein Thema auf dieser Platte, wie schon auf etlichen zuvor, mit denen er etwa gegen den Agrarkonzern Monsanto gekämpft hat. Abermals beweist sich Neil Young als die Greta Thunberg des Rock’n’Roll, was überhaupt nicht despektierlich gemeint sein soll. Nur sind komplexe Betrachtungen zum Klimawandel in einem Rocksong nicht zu erwarten, selbst wenn er eine knappe Viertelstunde dauert. In diesem Kernstück von „Colorado“ steigern sich Neil Young & Crazy Horse nach der optimistischen Botschaft „I saw young folks who save mother nature“ in einen instrumentalen Höhenrausch hinein, der nach einem schlingernden Mittelteil im dröhnenden Stakkato endet.

Danach wird es wieder etwas strukturierter, „Olden Days“ handelt, wie es der Titel schon vermuten lässt, von den alten Tagen, einem weiteren Lieblingsthema des im engeren Sinne wertkonservativen Musikers. Konservieren heißt bewahren, nicht nur die Umwelt, auch die Regeln des gesellschaftlichen Lebens in seiner Wahlheimat, die der Kanadier durch Donald Trumps irrsinniges Treiben erodieren sieht. Einmal spricht er ihn direkt an, wenn er in „Rainbow Of Colors“ den bunten Regenbogen der alten USA heraufbeschwört, den er von niemandem weißgewaschen sehen will. Das Lied hat das Zeug zur Hymne, selbst wenn seine Melodie sehr dicht an George Harrisons Song „Behind That Locked Door“ entlang komponiert wurde.

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Mit „Colorado“ tritt Neil Young der zuletzt zu beobachtenden Tendenz zur Verzettelung entgegen, selbst wenn das Album kein Monolith wie „Ragged Glory“ ist. Die dynamische Dramaturgie aus sehr lauten und sehr leisen Stücken bringt das Beste an Crazy Horse zum Ausdruck, wobei – etwas überraschend – gerade die leiseren Songs, wie das schon live erprobte „Milky Way“ und „Eternity“, diesmal die wirkungsvollsten sind.

Das rührendste Lied der ganzen Platte ist das finale „I Do“, in dem Young mit wispernder Stimme seine bukolische Vision einer Welt besingt, in der Menschen, Tiere und Pflanzen in Harmonie zusammenfinden. Fünf Minuten Hoffnung.

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