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Heavy-Metal-Dozentur über Männer: Metallica am 14. November live in der ProSieben-Show Circus Halligalli.

Metallica: „Hardwired… To Self-Destruct“

Reise ins schmerzensreiche Männer-Ich

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Metallicas neues Album „Hardwired… To Self-Destruct“ ist selbstmitleidbesoffene Schwarzmalerei. Frauen spielen dabei keine große Rolle.

Was für eine Platte! Noch immer habe ich nicht verstanden, was Metallica mir und der Welt damit sagen will. Noch immer höre ich das Werk wieder und wieder, weil ich möglicherweise etwas nicht bemerkt haben könnte, eine Pointe, irgendetwas! Aber nein: Das neue Album „Hardwired… To Self-Destruct“ entbehrt aller Dynamik, weist keinerlei Raffinesse auf, weder rhythmisch noch melodisch noch textlich… Alles hier klingt grob und hart und stumpf. Aber muss das als monotones Elend beklagt oder kann das auch als minimalistischer Witz begrüßt werden? Für Letzteres gäbe es immerhin einen Präzedenzfall in der Band-Geschichte, nämlich das 2003 erschienene, bis heute bei den Fans umstrittene Album „St. Anger“ mit seinem drahtig-asketischen Hardcore – in der Rückschau ein erstaunlich gelungenes Werk.

Nähern wir uns vorsichtig an. Der erste, titelgebende Song des neuen Albums beklagt den wirklich schlimmen Zustand unserer Welt. Der Text hangelt sich entlang der folgenden Schlagwörter: Verzweiflung, elender Schmerz, wir sind am Arsch („We are so fucked“), Unglück, Paranoia, Psychose (Borderline), Verhängnis, Weltenbrand, Angst, Vergeblichkeit, Hoffnungslosigkeit. So ungefähr. Ein Panorama des Grauens, ein Inferno ohne Ausweg, eine gigantische, alles andere überragende Depression, die uns, die Menschheit, geradewegs und vor allem unvermeidlich, so der Refrain, auf die Selbstzerstörung zulaufen lässt – unvermeidlich, weil „hardwired“, also festprogrammiert oder -verdrahtet. Mit anderen Worten, der Mensch ist als Mensch so beschaffen, das er sich nur selbst vernichten kann.

Die katholische Erbsünde ist ein Dreck dagegen

Mal ehrlich, die katholische Erbsünde ist ein Dreck dagegen. Metallicas Album präsentiert einen Reigen düsterster Befindlichkeiten und beschwört das Gefühl totaler Ausweglosigkeit. Der höchste nur denkbare Leidensdruck lastet natürlich auf dem Mann als solchen, wie in dem zweiten Lied des Albums, „Atlas, Rise!“ ausgeführt wird, das offenkundig an den antiken Titanen Atlas erinnert, der alle bereits im ersten Lied erwähnten Verderbtheiten dieser Welt auf sich nimmt (mythologisch nicht ganz richtig) und unter dem Gewicht des „schweren Himmels“ zusammenbricht: „Crushed under heavy skies / Atlas, Rise!“ Wie der mit dem Imperativ „Rise!“ kontrafaktisch angedeutete Aufstieg des Mannes zu bewerkstelligen ist, verrät dann „Now That We’re Dead“: Im Tod ist er von aller Mühsal befreit und darf ewig leben – und lieben.

Solche Jenseitserbaulichkeiten bieten ansonsten nur todessehnsüchtige Erlösungsreligionen ihren Märtyrern an. Klar, dass Frauen dabei keine große Rolle spielen dürfen, wie wir im vierten Lied, „Moth Into Flame“, erfahren: Die tauchen hier nämlich als wankelmütiges, beeinflussbares und schwaches Geschlecht auf, namentlich als dekadente Pop-Queen, die sich, als Wort betrachtet, wunderbar auf Amphetamin reimt, und darüber hinaus vollkommen schamlos nur auf Ruhm und Geld aus ist und eben darin umkommen wird – wie die sprichwörtliche Motte, die ins Licht fliegt. Damit sei, ließ Metallica erklären, die vor fünf Jahren den Drogentod gestorbene Soulsängerin Amy Winehouse gemeint. Aber fällt den Metal-Männern denn nur eine Frau ein, wenn es um die Lüge und Tod im Musikgeschäft geht?

Schwache und dekadente Pop-Queen

Dann doch lieber wieder das bewährte Grobklotz-Geschwurbel: „He wakes as the world dies screaming / All horrors arrive / He wakes giving earth its bleeding / Pure madness alive.“ Wer die Erde hier zum Bluten bringt? Es ist Cthulhu, ein Jahrmillionen altes Wesen, ein humanoider Allestotmacher – eine Erfindung des amerikanischen Horrorschriftstellers H. P. Lovecraft. Damit beweisen Metallica in ihrem fünften Lied, „Dream No More“, dass sie literarischen Referenzen durchaus nicht abhold sind – wenn der Blutzoll stimmt. Tatsächlich geht die männerschmerztriefende Schwarzmalerei auch auf den folgenden sieben Stücken weiter. Dabei ist immerhin lehrreich zu sehen, auf wie mannigfaltige Weisen die Band das Leiden an der Welt zu beschwören in der Lage ist.

„Hardwired… To Self-Destruct“ erinnert an eine psychotherapeutische Sitzung mit wütenden, verängstigen, weißen Männern – und der Therapeut hat ihnen lange genug eingeredet, dass nur sie Schuld an der Welt- und Selbstmisere haben. Erstaunlich an Metallicas Album ist die vollkommene Abwesenheit von konkreten Weltbezügen. In den Texten tauchen keine individuellen Akteure auf, sondern erscheint nur eine Abfolge innerer Dämonen. Was nicht verkehrt wäre, wenn diese Abziehbilder außer ihrem Leiden und Wüten irgendeine Besonderheit aufwiesen, zum Beispiel originell wären. So aber scheinen sie in ihrer Stereotypie eher trivialliterarischen Heftromanen entsprungen zu sein. „Hardwired… To Self-Destruct“ ist eine selbstmitleidverliebte Reise ins unerschöpfliche, aber auch reichlich belanglose Männer-Ich.

Das langweilt gewaltig. Und es wäre eine schöne Pointe gewesen, die Musik dagegensetzen zu können. Doch James Hetfield und Kirk Hammett überarbeiten sich nicht gerade an den Gitarren, sie klingen vor allem dumpf, haben keinen eigenen Ton, die Riffs lassen allenfalls etwas von der gut verzerrten Drahtigkeit erahnen, zu der Metallica ja fähig ist, die Soli sind dagegen nur lieblos runtergenudelte, stets gleichklingende Dutzendware. Hetfields Stimme peitscht und schreit in gewohnter Manier durch die Lieder, die allerdings kaum Laut-Leise- oder Schnell-Langsam-Kontraste aufweisen. Robert Trujillo zupft dazu brav den Bass und nur Lars Ulrich setzt mit dem Schlagzeug hier und da einige rhythmische Akzente. Insgesamt ein ereignisarmer, spannungsleerer, klischeereicher und anspruchsloser Schrumpf-Metal.

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