"Viva la Mamma"

Ich reise ab!

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Das wahre Theaterleben, in Wiesbaden auf die Bühne gebracht mit Hilfe Donizettis.

Spätestens seit HAL, dem sich stets einmischenden Computerhirn aus Stanley Kubricks "2001"-Klassiker, weiß man um die subversive Kraft dieser im Hintergrund werkelnden digitalen Systeme. Ein ganz klein wenig an HAL konnte man sich jetzt erinnert fühlen bei der Premiere von Gaetano Donizettis Opern-Farce "Viva la Mamma" am Staatstheater Wiesbaden: Hier war es das Anzeigenfeld für die Übertitel, das sich ungefragt einmischte in das Treiben auf der Bühne, und zwar scharfsinnig, böszüngig, mutwillig. Sätze wie "Bis zum Ende der Koloraturen gibt es keinen wirklich neuen Text" waren da zu lesen, wo eigentlich die Übersetzung einer Primadonna-Partie hingehört hätte.

Und gleich zu Beginn, während das Publikum seine Plätze einnahm, setzte der Übertitel Nadelstiche: "Der Hasen-Statist bitte für die Sodomie-Szene auf die Seitenbühne" hieß ein Aufruf, "Tote Mutter sofort ins offene Grab zur Wiedererweckungsszene!" ein anderer - wer die Wiesbadener Opernproduktionen der vergangenen Jahre verfolgt hat, versteht: Die Hasen-Sodomie aus dem "Freischütz", Don Josés Mutter aus "Carmen", das waren die größten Aufreger mit Buhgewitter im Wiesbadener Haus gewesen. Unten auf der Bühne darf dann ausgerechnet die dumme Primadonna gegen das Regietheater wettern und bekommt Szenenapplaus.

"Viva la Mamma", der urkomische Einakter von Gaetano Donizetti, thematisiert das Theater: Eine Operntruppe sieht einer Generalprobe entgegen, der sich so alles in den Weg stellt, was man sich nur vorstellen kann.

Und vorstellen kann sich Regisseur Markus Bothe so einiges, vor allem auch genug, was speziell auf das Staatstheater Wiesbaden gemünzt ist, ist er hier doch Mitglied der Leitung der Biennale "Neue Stücke aus Europa". Wiesbaden, das sei dazugesagt, gab in jüngster Zeit auch Nahrung für innerbetriebliche Anekdoten. Eher nur am Rande wird dem Dirigenten der Operntruppe ein Couvert der Staatsanwaltschaft mit einem Plagiatsvorwurf übergeben - dieser Gag allerdings verpuffte. Um wohl nicht zweimal in die gleich Kerbe zu hauen, hatte man auch nicht darüber gezüngelt, dass die Tochter des Intendanten gerade sehr gut im Geschäft ist am Staatstheater, gleichzeitig "Räuber"-Regie und "Viva la Mamma"-Bühnenbild. Nun ja, der Abend war auch so anspielungsreich genug.

Schwer war natürlich zu sagen, was denn nun von Donizettis Librettisten Gilardoni stammt und was vom Team um Regisseur Markus Bothe und Dramaturg Bodo Busse. Die Pointen jedenfalls saßen punktgenau, bedienten gleichermaßen Schenkelklopfer wie Feingeister, und die Realisierung durch das Wiesbadener Ensemble gelang sagenhaft. Der schnelle Sprachwitz ist ja nicht jedes Opernsängers Sache - umso auffälliger, wie präzise der damenbekleidete Bernd Hofmann, die dialektbegabte Inga Lampert, die glockenhelle Evgenia Grekova, der nervös tickende Brett Carter, Spinto-Tenor-Charmeur Angus Wood im Chaos agierten. Gleiches gilt übrigens für Kapellmeister Cornelius Heine, dem Herrenchor und dem Orchester des Wiesbadener Hauses, denen diese fingierte Generalprobe vollends glückte.

Einer der häufigsten Sätze auf der "Viva la Mamma"-Bühne ist angeblich auch einer der häufigsten im realen Theaterleben: Ich reise ab! Wie real, das bestätigt eine Meldung eines Internetnachrichtendienstes vom Tag nach der Premiere: An einem kanadischen Opernhaus kam es während einer Probe zu "Fidelio" zum Eklat, ein vom Dirigenten düpierter Tenor sei demnach mitten in der Aufführung von der Bühne und aus dem Opernhaus gestürmt. Je mehr eine Opern-Farce übertreibt, desto näher sind wir eben am wahren Leben.

Staatstheater Wiesbaden: 5. und 8. Februar. www.staststheater-wiesabden.de

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