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Reinste Präzisionsarbeit: Thomaner beim Rheingau Musik Festival

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Von: Bernhard Uske

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Die Thomaner mit ihrem Kantor Andreas Reize beim Rheingau Musik Festival in Wiesbaden

Der Thomanerchor Leipzig gab sein Gastspiel beim Rheingau Musik Festival in der Wiesbadener Lutherkirche. Einer der traditionsreichsten Chöre der Welt, 1212 gegründet und also in diesem Jahr 810 Jahre alt. Ein Monument der Aufmerksamkeit, der Wachheit, der gespannten Reaktion: „Oh Herr, durch deine Kraft uns bereit / Und stärk des Fleisches Blödigkeit“, singt er in der Motette „Der Geist hilft unserer Schwachheit auf“, von Johann Sebastian Bach komponiert.

Mit Felix Mendelssohn Bartholdischen Sätzen aus einer intendierten deutschen Liturgie, die der Chor in bestrickender Reinheit im Ton andächtiger Reformationsromantik sang, gab es einen ersten Schwerpunkt. Starke chromatische Bewegungen realisierten sich in „Tristis est anima mea“ eines Anonymus aus dem 18. Jahrhundert. Und mit Heinrich Schützens sechsstimmiger Motette „Ich bin der rechte Weinstock“ von 1646, wo sich venezianische Mehrchörigkeit und evangelische Wortgebundenheit mischen, steuerten die vom 18. Nachfolger Bachs als Thomaskantor, Andreas Reize, geleiteten Thomaner dem Zentrum ihrer Sangeskunst zu.

Es gab zwei doppelchörige Motetten, zu deren um Geist bittenden des Bach-Werke-Verzeichnisses Numero 226 noch die der Numero 225, „Singet dem Herrn ein neues Lied“, kam. Polygonale Gefüge, die in ihrer zusätzlichen Rechts-Links-Gestaltung eine Potenzierung der sich gänzlich unschematisch aufbauenden, höchst bewegten und bewegenden Vokalskulptur ergaben. Artikulationskraft und klangliche Intelligenz der Interpretation war durch Reize gewährleistet. Der neu bestellte Thomaskantor Leipzigs ist gebürtiger Schweizer. Das helvetisch Präzise schien ganz in die Knabenstimmen gewandert, derweil die Dirigiergestik des 47-Jährigen fließend und gelassen war.

Orgelpositiv-Unterstützung gab es von Thomasorganist Johannes Lang, der an der Orgel der Lutherkirche zwei Bachwerke in beweglicher, fließender Melodik präsentierte. BWV 225, sicher eine der dichtesten Vokalkreationen Bachs, kam zu Gehör, als die Choristen bereits 70 Minuten ohne Applausunterbrechung und klassische Pause gesungen hatten. Auch im Durchhaltevermögen eine enorme Leistung.

Und die Bitte um Frieden

Danach noch zwei zeitgenössische Werke von Paul Mealor („Locus iste“ von 2009) und Eric Whitacre („Sleep“ von 2002), die das Thomanerkonzert in die sakramentale sowie säkulare Gegenwart öffneten. Die Agnus-Dei-Zugabe mit ihrer Friedensbitte auf den Tonsatz der allbekannten Air aus Bachs 3. Orchestersuite gesungen, bot Gegenwartsbezug.

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