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Reinhard Keiser und seine Oper „Ulysses“ in Schwetzingen: Circe in Ithaka

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Von: Judith von Sternburg

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Ulysses und Penelope auf dem langen Weg zum Happyend.
Ulysses und Penelope auf dem langen Weg zum Happyend. © Susanne Reichardt

Für den „Schwetzinger Winter“ wurde Reinhard Keisers originelles „Ulysses“-Fragment reaktiviert.

Eingelagerte Musik hat es noch schwerer als ein Bild oder ein Manuskript, wieder in die Welt hinauszukommen. Hier reicht kein flüchtiger Blick. Den Opernprojekten des „Winters in Schwetzingen“ gehen zumeist langwierige Ausgrabungsarbeiten voraus, Herzensangelegenheiten müssen es sein. Seit 2019 geht der Blick auf deutsche Barockraritäten, „Die getreue Alceste“ von Caspar Schürmann machte damals den Anfang, und gegen Schürmann ist Reinhard Keiser (1674-1739) immerhin ein beschriebenes Blatt. Seine Huldigungsoper „Ulysses“ aber wartete nach der Kopenhagener Uraufführung 1722 geduldig 300 Jahre lang auf den Musiker und Dirigenten Clemens Flick, der die Rekonstruktion und Aufführung zu seiner Sache machte.

Keiser, lange Jahre Intendant der Hamburger Gänsemarkt-Oper und seinerzeit ein großer Name in der deutschen Musikszene, wollte damit gerne am dänischen Hof reüssieren. Es gab ein Missgeschick mit einer ausgefallenen Hauptpartie, die eine Italienerin mit schon einstudierten anderen Arien übernahm (sogenannten Kofferarien), überhaupt ist die Überlieferung fragmentarisch. Flick unternahm also eine stark eingreifende Rekonstruktion, indem er andere Keiser-Musik einbaute. Gerne würde man von Nummer zu Nummer orientiert, aber das geht natürlich nicht. Jedenfalls versucht Flick dabei keine Glättung, sondern stellt das Fragmentarische lieber frisch und frei aus.

Das Ergebnis ist musikalisch eine allerliebste, oft kecke und kühne Barockcombo: lebhafte und in der Form noch nicht so festgefahrene Arien und Ensembles, originell instrumentiert und ausgestaltet (mit Liebe zum Fagott, mit Akkordeon, zwischendurch, man traut seinen Ohren nicht, wehen ein paar Takte Richard Strauss durch die Reihen). Vieles wäre tanzbar und ist ein bisschen verrückt. Flick dirigiert das schlank, aber schlagkräftig besetzte und beschwingt spielende Philharmonische Orchester Heidelberg (das Stadttheater Heidelberg kooperierte hierfür mit dem Theater Orchester Biel Solothurn).

Den huldigende (anbiedernden) Teil strich Flick und konzentriert sich ganz auf die ungewöhnliche Konstellation. Dass auf ein französisches Werk zurückgehende Libretto des Frankfurters Friedrich Maximilian von Lersner lässt Circe in Ithaka auftauchen, wo sie dem soeben heimgekehrten Odysseus das Leben schwer macht. Nicht nur zweifelt er an der Treue seiner Frau Penelope, er neigt auch immer noch dazu, Circe zu verfallen. Gewitzt die Szene, in der die beiden schier übereinander herfallen, während er sie seines Hasses versichert.

Weil das freilich ganz unhomerisch ist, platzieren Flick und Regisseurin Nicola Raab an der Bühnenseite einen „Dichter“ (den Schauspieler Klaus Brantzen), der an einem Bistrotischchen schreibt, kommentiert, (etwas viel) erzählt und zunehmend verzweifelt, bis er schließlich eingreift und die Handlung wieder einrenkt: Circe muss missmutig abdampfen, damit Odysseus und Penelope als Paradebeispiel der ehelichen Treue den Abend beschließen können.

Szenisch fehlt es bei guter Grundanlage schwer an Schmiss. Dass sich einsame Seelen in der hippen „Ithaka-Bar“ (Ausstattung: Madeleine Boyd) treffen, lässt man sich gerne gefallen, aber das Ensemble wird dann doch nur sehr bescheiden in Gang gesetzt. Dabei wirkt es so spielfreudig. Dora Pavlíková mit vehementen Arien ist eine hingebungsvolle Schnepfe von Circe, die die milde Penelope von Jutta Böhnert recht sorglos an die Wand drückt und mit Henryk Böhm als Ulysses kurzen Prozess macht. Keine Welt für Nachdenkliche und Zaudernde, wie auch das rasch entschlossene zweite Pärchen demonstriert, João Terleira als imposanter Tenor Eurilochus und seine Cephalia, Theresa Immerz.

Sängerisch sind das Herausforderungen an Beweglichkeit und Virtuosentum, denen sich die Beteiligten wacker stellen.

Rokokotheater Schwetzingen: 6., 8., 11., 16., 23., 29. Dezember. Das Festival „Winter in Schwetzingen“ geht bis zum 2. Februar. theaterheidelberg.de

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