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Lou Reed.

Lou Reed ist tot

Lou Reed - Der Grenzgänger

Man kann sich keinen weniger nahbaren, weniger freundlichen, weniger väterlichen Menschen vorstellen als ihn: Lou Reed hat Generationen von Rockfans beglückt, geekelt – und beseelt.

Von Jens Balzer

Das ist einer von diesen Momenten – es gibt nicht viele davon –, an denen man innehält und fragt, wie die Geschichte verlaufen wäre, wenn es diesen Mann nicht gegeben hätte, seine Songs, seine Stimme, seine Selbstinszenierungen, seine musikalischen Partner. Welche Musik würden wir heute hören, wie würden wir Gitarre spielen, wie viele Bands hätte es nicht gegeben, wenn es ihn nicht gegeben hätte? Wie viele Menschen haben nur darum zu elektrisch verstärkten Instrumenten gegriffen, eine Band gegründet, ihr Herz an die Rockmusik verloren, weil sie in den späten Sechzigerjahren, Siebzigerjahren, Achtzigerjahren, bis in die Gegenwart, irgendwann einmal „I‘m Waiting For The Man“, „All Tomorrow‘s Parties“, „Heroin“, „Sweet Jane“, „Vicious“, „Walk on the Wild Side“ oder „Coney Island Baby“ gehört haben?

Lou Reed ist tot. Er ist am Sonntag in New York im Alter von 71 Jahren gestorben. Es ist schwer, das Gefühl zu beschreiben, das diese Nachricht in einem auslöst. Man kann sich ja keinen weniger nahbaren, weniger freundlichen, weniger väterlichen Menschen vorstellen als ihn: dieses wächserne, undurchdringliche Gesicht; diese grimmigen Texte; diese ungeheure, scheinbar durch nichts zu überwindende Gekränktheit; dieses rüde Verhalten, mit dem er seine Mitmusiker auf der Bühne und auch sonst jeden zu traktieren pflegte, der ihm irgendwo in die Quere kam. Und dennoch kann man jetzt kaum anders als so wehmütig und zärtlich an ihn zu denken wie an jemanden, der einen gelehrt und erzogen hat. Lou Reed ist tot: Das fühlt sich an, als ob ein Vater gestorben ist.

Sein eigener Vater – ein Steuerberater aus Long Island – ließ Lewis Alan Reed mit 17 einer Elektroschocktherapie unterziehen, um ihn von seinen stetigen Stimmungswechsen und seiner Homosexualität zu erlösen. In dem bitteren Stück „Kill Your Sons“ auf der 1974er LP „Sally Can’t Dance“ hat er ihm und seinen Erziehungsversuchen ein Denkmal gesetzt; auch sonst kommen in seinen Songs Väter nur als Hassobjekte und Familien als Vorhöfe der Hölle vor.

Seine eigene Zärtlichkeit galt den Außenseitern, den Dropouts, den Transvestiten und Strichern, die – weil sie sonst keiner wollte – irgendwo da draußen auf der „wild side“ des Lebens nach ihrer eigenen Familie suchten. „We’re coming out of closets / out on the street“, heißt es 1972 in dem Stück „Make Up“ auf der „Transformer“-LP: „Wir kommen aus unseren Verstecken /auf die Straße hinaus“ – denn nur auf der Straße konnte man sein, wie man wirklich sein wollte und war.

Von seinen stetigen Stimmungswechseln hat die väterliche Therapie Lou Reed natürlich nicht heilen können; auch zu einer einheitlichen sexuellen Orientierung hat sie nicht geführt. In seinen besten, künstlerisch inspiriertesten Zeiten war Lou Reed so homo-, bi-, trans- und sonstwie -sexuell, wie es nur ging. Die sadomasochistische Lack-Leder-Coolness, die er mit den Velvet Underground etablierte, vermag junge, erotisch abenteuerlustige Menschen bis auf den heutigen Tag zu verführen.

Wild, stolz, traurig

Mit der wilden, stolzen, doch immer auch traurig wirkenden Androgynie, die er als Solokünstler Anfang der Siebziger pflegte, hat er den Glamrock geprägt wie neben ihm nur David Bowie. Was nicht heißt, dass er nicht ebenso gern das maskuline Rocktier gegeben hätte („Rock’n Roll Animal“ heißt ein Live-Album aus dem Jahr 1974). Avantgardismus und räudiger Rock waren bei ihm eng verschränkt.

Seine Karriere begann Reed Mitte der Sechzigerjahre als Lohnschreiber in einer New Yorker Plattenfirma; als er für ein besonders hitparadenträchtig erscheinendes Stück eine Band bilden sollte, stieß er auf einen jungen Avantgarde-Bratschisten namens John Cale. Ihrer ersten Gruppe The Primitives war kein Erfolg beschieden, doch vermittelte eine befreundete Experimentalfilmerin die beiden an Andy Warhol, der sie mit der schönen, atemberaubend kalten Sängerin Nico zusammenbrachte.

Ihr erstes Konzert unter dem Namen The Velvet Underground spielten sie 1966 auf dem Jahrestreffen der Psychiatrischen Vereinigung der USA; zu einem infernalischen Gitarren- und Bratschenlärm pries Reed mit ausdrucksloser Stimme die Wonnen des Heroinrausches: „Wenn ich die Nadel in meine Vene steche / fühle ich mich wie Jesus‘ Sohn“.

Und so war es durchweg: So dunkel und gefährlich, riskant und verantwortungslos, so cool wie bei The Velvet Underground war Rock’n Roll bis dahin noch nie gewesen, und auch nicht so selbstzerstörerisch krachverliebt, so dissonant und schmerzhaft erotisch. Zwei Platten nur – „The Velvet Underground“ (1967) und „White Light / White Heat“ (1968) – schufen Reed und Cale miteinander, bevor sie sich für Jahrzehnte zerstritten; doch wurden sie damit zu einem der größten Duos der Popgeschichte. Erst 1990, nach dem Tod Warhols, kamen sie für das Requiem „Songs For Drella“ wieder zusammen.

In seinem Solowerk seit den Siebzigern hat Reed alle denkbaren Höhen und Tiefen durchmessen. Er schuf epochale Zyklen wie „Transformer“ (1972) und „Berlin“ (1973) und wegweisend renitenten Krach wie „Metal Machine Music“ (1975). Er ließ sich aber auch von zweifelhaften Gesellen wie dem Regisseur Robert Wilson zu schaurigem Theaterkunstquark verführen („Time Rocker“, „POEtry“). Und er schuf so leidenschaftliche, schöne, wahrhaftige Werke wie „Magic and Loss“ (1993), „Ecstasy“ (2000) oder das grandios unhörbare „Lulu“ (2011). Es gibt in der Geschichte des Rock vielleicht keinen anderen Künstler, der uns so beglückt, geekelt und beseelt hat wie Lou Reed. Er hat Leben verändert. Wir stehen in seiner Schuld.

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