+
Der Produzent und die Sängerin: Vitalic und Rebeka Warrior.

Elektropop-Projekt Kompromat

„Für mich hört sich Deutsch ziemlich sexy an“

  • schließen

Rebeka Warrior, Sängerin von Sexy Sushi, und DJ Vitalic über ihr gemeinsames Elektropop-Projekt Kompromat, für das sie in einem französischen Schloss aus der Zeit gefallen sind.

Kompromat, ein Allstar-Duo, mischt gerade den Elektropop-Markt auf. Dahinter stecken der französische DJ Vitalic und die Sexy-Sushi-Sängerin Rebeka Warrior. Vitalic ist der Künstlername von Pascal Arbez-Nicolas, Jahrgang 1976, Rebeka Warrior ist Julia Lanoë, Jg. 1978. Die beiden präsentieren nun abgründigen Cold Wave – mit deutschen Texten.

Rebeka Warrior, Vitalic, Sie beide sind als Ikonen Ihrer Genres – Techno und Elektroclash – erfolgreiche Solisten. Wie kommt es, dass aus Kompromat weder das eine noch das andere geworden ist?
Vitalic: Wir stehen beide auf EBM und Cold Wave, auch wenn das nicht die Musik ist, die wir als Solokünstler machen. Wir haben aber festgestellt, dass das unsere gemeinsame musikalische Basis ist. Als wir zusammen ins Studio gingen, wussten wir noch nicht so recht, worauf es hinauslaufen würde.

Rebeka Warrior: Vitalic und ich kennen uns schon länger, haben auf seinem Album „Rave Rage“ zusammengearbeitet. Wir haben uns auch in den Folgejahren immer wieder auf Partys, in Restaurants oder bei Auftritten getroffen. Als wir dann vergangenes Jahr beschlossen, wieder zusammen Musik zu machen, dachten wir, dass es EBM werden würde.

Was wurde dann daraus?
Vitalic: Wie immer haben wir erst nach Fertigstellung des Albums kapiert, was wir da eigentlich gemacht haben. Während des Prozesses fehlt uns die Distanz, das zu analysieren. Die Idee hinter Kompromat war zunächst einmal, Musik zu machen, die sich an den Dancefloor richtet, aber eben nicht nur. Und wir wollten Songs mit einer gewissen Tiefe schreiben und uns damit vom Hedonismus der Clubkultur entfernen.

Wie mir das Internet verraten hat, stammt der Begriff „Kompromat“ aus der Terminologie des russischen Geheimdienstes und beschreibt ein manipuliertes Beweisstück, das jemandem untergeschoben wird, um ihn zu kompromittieren.
Vitalic: Wir haben uns für den Projektnamen entschieden, weil er in einer unserer Konversationen auftauchte. Wir fanden, dass das echt großartig klingt. Ich spreche Russisch und finde, dass es eine sehr exotische Sprache innerhalb der vom Englischen dominierten Musikindustrie ist. Und vielleicht haben wir uns auch mit dem Projekt ein bisschen selbst kompromittiert. Am Anfang dachten unsere Fans, dass wir einfach das machen, was wir in der Vergangenheit immer gemacht haben. Aber es ging ja in eine radikal andere Richtung.

Gerade für mich als Deutscher ist einer der bemerkenswertesten Aspekte an Ihrem Album natürlich, dass es in weiten Teilen auf Deutsch ist. Ich habe gehört, dass Sie die Texte auch selbst geschrieben haben. Warum haben Sie Deutsch gewählt?
Rebeka Warrior: Um ehrlich zu sein, hat die deutsche Sprache uns gewählt. Ich war so gelangweilt vom Texten auf Französisch oder Englisch, dass es mir schon fast unmöglich schien, etwas Neues zu schreiben. Aber ich hatte überhaupt keine Übung mit Deutsch; es war, wie ein neues Instrument zu lernen. Es gibt aber zum Glück einige deutsche Bands, die ich wirklich gut finde. Zum Beispiel die Einstürzenden Neubauten, DAF oder Schwefelgelb.

Kompromat: Traum und Existenz. Clivage Music / !K7.

Und wie haben Sie sich dann an die deutsche Sprache herangearbeitet?
Rebeka Warrior: Nun, zuallererst habe ich das, was ich sagen will, auf Französisch aufgeschrieben. Dann habe ich zusammen mit einer Freundin, Adèle Haenel, die Deutsch spricht, die Texte übersetzt. Das Schwierigste daran war die Betonung. Ich war daher einen Monat lang auf einer Deutsch-Schule in Berlin. Ich wollte zuhören und die Betonung der Sprache lernen. Das Schöne daran, dass ich das Album auf Deutsch singe, ist die Tatsache, dass ich die Dinge in einer neuen Sprache, mit neuen Worten, sagen kann. Und erst nach vier oder fünf Songs auf dem Album führen wir die französische Sprache wieder ein. Da haben wir realisiert, dass es ein wirklich europäisches Projekt ist.

Für deutsche Ohren schwingt beim Französischen ja oftmals eine erotische Idee mit. Wie ist das mit dem Deutschen für französische Ohren?
Rebeka Warrior: Für mich hört sich Deutsch auch ziemlich sexy an. Viele meiner Landsleute halten Deutsch ja für eine unhöfliche Sprache. Diese Meinung teile ich aber nicht. Und bei unserem zweiten Konzert in Paris haben die Zuschauer auch lautstark den Text von „Niemand“ mitgesungen. Das war für uns schon ein Beweis dafür, auf dem richtigen Weg zu sein. Und vielleicht ändert sich dadurch ja auch die Meinung der Franzosen über die deutsche Sprache.

Vitalic, warum haben Sie sich als Produzent für ein Cold-Wave- Album entschieden?
Rebeka Warrior: Die Frage geht zwar an Vitalic, aber ich will hier direkt mal einhaken. Wir haben das Projekt zusammen komponiert. Vitalic hat mir zwar vorgeschlagen, auf Deutsch zu singen, hat die Richtung vorgegeben und Ideen geliefert. Aber das hier ist nicht so ein „die Frau singt und der Mann produziert“-Ding. Wir haben das Jahr 2019! Trotzdem gibt es im Produktionsprozess eine gewisse Arbeitsteilung – aus praktischen Gründen.

Vitalic: Da hat Rebeka Recht. Ich habe das Album nicht allein produziert, sondern wir beide zusammen. Aber zur Frage der Genre-Wahl: Die Leute verbinden mich zwar mit Straight-Edge-Techno, mein größter Hit ist aber dennoch ein Disco-Song. Ich glaube auch nicht, dass ich wirklich in einem Genre feststecke. Natürlich kann man meine Handschrift in jedem Lied entdecken, aber ich habe auch schon Polka, Cosmic Disco und Rock-Kram produziert. Ich habe eben auch meine blauen, roten und gelben Phasen.

Denken Sie, dass die Club-Musik allmählich ausgedient hat? So viele Künstler der alten Techno- und House-Schule fliehen in andere Genres. Zum Beispiel Arnaud Rebotini mit seinem Blackstrobe-Projekt oder Booka Shade, die jetzt Indie-Elektro machen. Oder eben die vielen Künstler, die sich an Neoklassik versuchen.
Vitalic: Ich glaube nicht, dass die herkömmliche Clubmusik wirklich am Ende ist. Es ist völlig okay, als DJ für sechs Stunden auf einer 909-Autobahn unterwegs zu sein, wenn das Publikum das mag. Aber was mich angeht, mag ich eher abseitige Nummern und obsessive Songs, die poetisch sind. Es kommt ja immer darauf an, wie man sich als Künstler positioniert, und irgendwie war ich immer auf einer Parallelbahn zu dem unterwegs, was gerade Mainstream ist. Booka Shade und Rebotini sind da gute Beispiele. Sie gehen Risiken ein und zeigen eine Menge Kreativität.

Vitalic, Sie sind ja nun auch etwas mehr als 40 Jahre alt und sind musikalisch in der Prä-Techno-Ära sozialisiert worden. Haben Sie damals schon eine Affinität zu Wave und Industrial gehabt?
Vitalic: Zu der Zeit war ich sehr abhängig vom Musikgeschmack meiner Eltern, die viel Psychedelic wie Pink Floyd gehört haben. Musik war damals ja noch nicht so vielfältig verfügbar wie heute. Mein persönlicher Geschmack war eher Belgian New Beat oder Giorgio Moroder. Zuhause hatten wir also eine sehr weite Bandbreite von Stilen. Aber das erste Mal, als ich „Wake Up“ von Laurent Garnier gehört habe, das hat mein Leben verändert. Und dann schwappte der Frankfurt-Sound über die französischen Clubs, als ich die ersten Jahre in den Clubs unterwegs war.

Wie haben Sie diese Energie und langjährige Erfahrung, die Sie beide gesammelt haben, in Kompromat vereint?
Rebeka Warrior: Ich habe mich sechs Monate in das Schloss Le Chateau de Monthelon in der Bourgogne zurückgezogen. Das ist ein wirklich sehr besonderer Ort, der sich neuen Ideen und der Erschaffung neuer Projekte verschrieben hat. Ein Ort, wie aus der Zeit gefallen. Vitalic kam dort immer wieder vorbei, um gemeinsam mit mir zu musizieren. Aber wir haben auch in Paris komponiert in unseren jeweiligen Studios. Gemeinsam und getrennt voneinander.

Vitalic: Es ist sehr förderlich, wenn man gemeinsam und getrennt produktiv sein kann. Wenn du alleine mal stecken bleibst, kannst du gemeinsam wieder vorankommen. Und wenn du allein bist, kannst du deiner Kreativität freien Lauf lassen. Ich muss betonen, dass der gesamte Prozess sehr aufregend und erfreulich war, gerade weil wir aus so unterschiedlichen Sphären kommen. Und es war großartig zu sehen, dass das alles so ungezwungen und natürlich entstehen konnte. Wie von allein. Und nun, da das Album erschienen ist, ist es eine wahre Belohnung, es zusammen auf der Bühne zu performen.

Interview: Arne Löffel

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion