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Cathrin Lange in einem multimedialen Vorgang.

Musik

Rausch romantischer Entgrenzung

  • vonBernhard Uske
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Christian Jost entwickelt in Darmstadt mit einem Liederzyklus von Robert Schumann auf Gedichte Heinrich Heines ein multimediales Ereignis.

Ein „Filmisches Musiktheaterprojekt“ nennt sich die jüngste Produktion des Staatstheaters Darmstadt, die im Großen Haus bei coronatauglicher Ausdünnung des Auditoriums Premiere hatte. Bis Ende des Jahres wird sie, neben weiteren Aufführungen vor Ort, als herunterladbares Ereignis auch zu Hause erlebbar sein.

Ein multimedialer Vorgang, der Robert Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“ zum Thema hat. Christian Jost, der 1963 geborene, in Berlin lebende Komponist hat sich der sechzehn Gedichte Heinrich Heines angenommen, die Schumann 1840 in der Euphorie seiner gerade ermöglichten Heirat mit Clara Wieck komponierte. Ungemein gelöste, wie im Rausch romantischer Entgrenzung und auch Versenkung sich ergebende Perspektiven eines Liebhabers gegenüber allen Facetten von Liebe bis hin zu ihrem Ende und Schmerz. Seit gut 40 Jahren sind komponierend-interpretierende Transkriptionen gerade romantischer Kunst Thema der zeitgenössischen Musik, wobei Hans Zender mit Schubert und Schumann Maßstäbe sowohl suggestiver als auch ausdeutender Profilierung der „Vorlagen“ gesetzt hat.

Jost geht anders vor, indem er in die eigenschöpferische Grundierung eines pulsierenden Klangbandes, das gut eine Stunde währt, die etwa dreißig Minuten Liedvortrag inkorporiert. Dabei dessen jeweilige Randkonturen gegenüber dem durchlaufenden Klanggrund unscharf macht, sodass eine Art Amalgam mit schumann-zentrierten Verdichtungen entsteht. Das bekommt dem Jostschen Klanganteil gut, während es denjenigen Schumanns flächiger macht bis hin zu pop-artigen Ausformungen. Die spezifische Jostsche Klangfolie verkleinert die auf acht Sänger verteilten Liedauftritte. Die Instrumentalbesetzung besteht aus Streichquartett, Flöte, Klarinette, Harfe, Klavier, Celesta und Schlagzeug, bleibt meist ineinandergewoben und stiftet einen konformen Resonanzraum. Wodurch der schumannsche Habitus einer ausgreifenden, gestenstarken und evozierenden Art, wie sie der Vokalist zusammen mit dem Klavier in Einheit setzt, undeutlich wird.

Streckenweise hinterlässt die technisch reproduzierte Darbietung einen anderen Eindruck als denjenigen, der sich in der leeren Akustik des Opernsaals einstellte. Stimmlich und in Gestaltungskraft konnten sich trotzdem dort die Soprane von Cathrin Lange und Karola Sophia Schmid, der Tenor von David Lee, der Bass von Johannes Seokhoon Moon recht gut behaupten. Neun Mitglieder des Staatsorchesters Darmstadt zeigten große Präzision unter der Leitung des souveränen Jan Croonenbroeck.

Die Tatsache, dass in Darmstadt die „Dichterliebe“ offensichtlich als Dichter*innen-Liebe gelten soll, war mit der Quotenbesetzung von vier Männern und vier Frauen gegeben. Dem visuellen Part, der sich auf der Leinwand am Ende der Bühne als Duo-Splitscreen darstellte und von Franziska Angerer, Fabio Stoll und Carolin Müller-Dohle verantwortet wurde, kam dieser Geschlechter-Proporz entgegen.

Was entsprechende Codes visueller Kommunikation auf breiter Front möglich machte: eine Braut, die sich einen roten Apfel mit immer stärkerem Druck von Verzweiflung und Autodestruktivität in den Mund stopft. Eine sich Schminkende und dann alles verschmierend in den Spiegel Starrende, derweil ein Mann sich in aller Seelenruhe und muskelentspannter Körperlichkeit einer Reinigung unterzieht. Mehr oder weniger dezente Weltschmerz-Ästhetik der vertrauten Art bis hin zur sich ihr eigenes Grab schaufelnder Frau.

Was bei Heine und auch bei Schumann immer metaphorologische Ebene bleibt, wird in solchen Bebilderungen zu Erfahrung absaugendem Essentialismus, dessen Höhepunkt das finale Stück mit einer im Zeitraffer präsentierten Zersetzung eines weggeworfenen, abgenagten Apfelgehäuses durch Insekten, Würmer und anderes Getier ist. Dazu ein mittels eingeblendeter Texte erfolgendes Repetitorium über die menschliche Verwesung. Matte Beifallsbekundungen am „offenen Grabe“.

Staatstheater Darmstadt:11. Juli als „Live-Konzert mit Film“, der Film selbst ist bis Ende des Jahres online. www.staatstheater-darmstadt.de

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