Das 51. Deutsche Jazzfestival Frankfurt im Studio 2 des Hessischen Rundfunks.
+
Das 51. Deutsche Jazzfestival Frankfurt im Studio 2 des Hessischen Rundfunks.

Jazz

Raumgreifend

  • vonStefan Michalzik
    schließen

Das 51. Deutsche Jazzfestival in Frankfurt im Radio oder per Livestream.

Ein Schwerpunkt zum arg gerupften Programm für das 51. Deutsche Jazzfestival in Frankfurt sollte Vokalstimmen gelten, immerhin ablesbar am zweiten und letzten Abend im Hörfunkstudio II des ausrichtenden Hessischen Rundfunks, der ausschließlich am Radio oder – weiterhin verfügbar – per Livestream zu erleben war.

Entschieden eine Rockband sind KUU! – wenngleich eine, die aus Jazzmusikern besteht. Angeführt von der als Schauspielerin an Häusern wie dem Berliner Maxim-Gorki-Theater, dem Wiener Burgtheater und den Münchner Kammerspielen bekannten serbischen Sängerin Jelena Kuljic, macht das Berliner Quartett mit Kalle Kalima und Frank Möbus an den Gitarren und Christian Lillinger am Schlagzeug eine Musik, die etwas von alten Zeiten in den sechziger und siebziger Jahren ausstrahlt. Mit rauschhafter Emphase und stetem Druck, in einem kollektiv-improvisatorischen Geist, der ebenso an den Krautrock erinnert wie auch an die New Yorker Downtown-Szene der späten siebziger Jahre. Raumgreifend das kantige, vom Einsatz einer Masse von Effektgeräten geprägte Spiel der Gitarren. Im Zentrum jedoch steht die phänomenale Jelena Kuljic mit ihrer dunkel timbrierten Stimme und einer von einer Punk-Attitüde geprägten expressiven Vortragsweise.

Schon der Titel des letzten Albums, „Lampedusa Lullaby“, signalisiert den politischen Impetus. Anhand von Bruchstücken aus dem „Solidaritätslied“ von Brecht und Eisler bilden sich immer wieder Inseln einer intimen Zärtlichkeit der Stimme heraus, die Kuljic verschiedentlich loopt und elektronisch verfremdet.

Eine elegante melancholische Tristesse kennzeichnet die Songs, die der in Mainz lebende Altsaxofonist und Flötist Maximilian Shaikh-Yousef gemeinsam mit der österreichischen Sängerin Veronika Morscher für eine auf elf Köpfe erweiterte Besetzung seines Nonetts SH4iKH geschrieben hat.

Morscher dürfte wohl eine glühende Verehrerin des jazzaffinen Songwritertums von Joni Mitchell sein. Das bewegt sich alles auf einem sehr ansehnlichen Niveau, bei aller raffinierten Vielgestaltigkeit voller ephemerer Formen und Farben vor allem des Bläserklangs unter der Oberfläche jedoch entsteht paradoxerweise am Ende ein Eindruck von Gleichförmigkeit. Mit einem hohen Maß an Freiheit improvisiert die ob ihres im April erschienenen Debütalbums „Schumann Kaleidoskop“ mit Recht vielgerühmte junge Pianistin Johanna Summer solo über Stücke aus Robert Schumanns Zyklen „Kinderszenen“ und „,Album für die Jugend“, als handelte es sich um Jazzstandards.

Das hochinspirierte Spiel der 25-jährigen ist mal elegisch und dann auch wieder pulsierend. Sie zieht einen mit der Primärtugend reiner Gegenwart in ihren Bann. Um die musikalische Zukunft des Jazz ist es an den beiden Festivalabenden nicht gegangen. Ein derart sublimes, über den Zeiten stehendes Musizieren wie jenes von Johanna Summer macht das glatt vergessen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare