Amir Tebenikhin

Das Raubtier am Klavier

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Ungewöhnliche Erfahrung mit Tschaikowskys b-Moll-Konzert: Nicht donnernde Tastengewalt bringt der 33 Jahre alte Pianist Amir Tebenikhin zu Gehör. Gemeinsam mit der Philharmonie Merck entsteht exquisite Polyphonie. Von Bernhard Uske

Der 33-jährige Pianist Amir Tebenikhin bewegt die Füße über den Boden, wie er mit den Fingern über die Tasten geht: einerseits schleichend bis schlurfend, andererseits leicht aufsetzend und dabei das beträchtliche Gewicht seines Körpers fast schwebend vorwärts bewegend.

Klanglich bedeutete das im Friedrich-von-Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses eine ungewöhnliche Erfahrung mit Tschaikowskys b-Moll-Konzert. Dieser pianistische Dauerbrenner kam daher nicht als donnernde Tastengewalt mit robustem Angriffsmandat. Dennoch war er schwer, sehr schwer sogar, was nicht allein an dem langsamen Tempo lag, das Dirigent Wolfgang Heinzel in nahtloser Übereinstimmung mit dem Solisten gewählt hatte. Das repetierliche Moment der Phrasen erschien wie ein versunkener, typisch russischer Ton, der Druck war aggressionslos.

Die Philharmonie Merck, die mit Tschaikowsky den ersten Teil ihres Neujahrskonzerts bestritt, überließ das Feld weitgehend dem sublimen Schwergewicht aus Moskau und brachte exquisite Polyphonie zwischen Klavier- und Holzbläserklang zuwege. Das Streichen Tebenikhins über die Tasten als wären sie ein Katzenfell, entfesselt dann aber doch bei den finalen, fauchenden Partien genau den raubtierischen Effekt, der schließlich das klassische b-Moll-Image ist.

Für eine Neujahrs-Neunte war es nach dem russischen Konzertkoloss zu spät, weshalb mit der Fünften von Ludwig van Beethoven die kleinere "Alles wird gut"-Variante ins Spiel kam. Sie brachte einige sehr schön ausartikulierte Passagen atmosphärischer Beruhigung im zweiten Satz. Überhaupt war Differenz der Bläser ein herausragendes Merkmal der Aufführung.

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