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Rau geraspelt: Gianna Nannini in der Alten Oper

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Von: Volker Schmidt

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Gianna Nannini während eines Konzertes. (Archiv)
Gianna Nannini während eines Konzertes. (Archiv) © Imago

Das italienische Kraftpaket Gianna Nannini begeistert beim Konzert in Frankfurts Alter Oper mit Hits aus 40 Jahren.

Gereifte Rockstars konzentrieren ihre Setlist live oft auf wenige Alben ihrer „großen Zeit“. Das geht bei Gianna Nannini kaum, weil sich ihre Hits über mehr als 40 Jahre verteilen. Kein Wunder also, dass in der Alten Oper von ihrer ersten erfolgreichen LP „California“ (1979) bis zum jüngsten Album „La Differenza“ (2019) fast alle gut 20 Alben mit mindestens einem Song vertreten sind.

Der Termin war ursprünglich für Herbst 2020 geplant, als der Konzert-Opener „L’aria sta finendo“ noch neu war. Im ausverkauften Haus senken wenige Menschen unter 50, anhand von Text- und Aussprachesicherheit wohl in der italienischstämmigen Community zu verorten, den Altersschnitt. Nannini ist gerade – auf Tour – 68 geworden, vielleicht auch erst 66, es kursieren unterschiedliche Geburtsdaten.

Die fünfköpfige Band beginnt im Dunkeln. Als Nannini auftritt, stürmen viele Richtung Bühne. Dort ist im leider komplett bestuhlten Saal kein Platz, es kommt zu nur knapp unblutigen Konflikten zwischen denen, die sitzen wollen oder müssen und denen, die ihnen den Blick versperren.

Protest gegen das Machotum

„Primadonna“ von 1982, „La differenza“ vom aktuellen Album und „Contaminata“ von 2004 folgen, bevor ein erster Block von Fanlieblingen die Stimmung steigen lässt: „Profumo“, „Ragazzo dell’Europa“ – in der ersten Reihe mit dem Schwenken europäischer Nationalfähnchen begleitet – und „I maschi“, eine von vielen Auseinandersetzungen Nanninis mit dem mediterranen Machotum.

Mit den erzkatholischen Traditionen Italiens legt sie sich gern an. Schon auf dem Cover zur Masturbationshymne „America“ von 1979 reckt die Freiheitsstatue einen Dildo. Mit 54 (oder 56?) bekam sie ihre Tochter Penelope, die sie mit ihrer Partnerin in London großzieht, weil daheim die Adoption für gleichgeschlechtliche Paare kompliziert ist. Neulich hat sie en passant angekündigt, als Staatspräsidentin kandidieren zu wollen. Weiter weg von Bunga-Bunga-Macho-Kultur geht kaum.

Vielleicht hatte sie ihre ersten Erfolge deshalb in Deutschland, Anfang der 80er. Bis heute hat sie begeisterte Fans, die nicht viel Ansprache brauchen, um aufzudrehen. Kecke Blicke, fordernde Gesten, ab und zu ein „Francoforte!“ – damit bekommt das charismatische Kraftpaket im pinken Hosenanzug sie alle.

Der Instrumentalsound ist satt, die Singstimme könnte besser ausgepegelt sein, Feinheiten gehen verloren. Das ist schade, wie zurückhaltend instrumentierte Nummern („Notti senza cuore“) zeigen: Ihre rauen Stimmbänder raspeln Klänge und Gefühle so nuancenreich wie die Konditoren im Familienbetrieb der Nanninis in Siena Pistazien und Süßholz.

„Io“, „Fotoromanza“ und „America“ läuten das Finale ein, „Latin Lover“ und natürlich „Bello e impossibile“ beenden das reguläre Set. Zugabe: „Sei nell’anima“, ein Stampfrock-Cover des Italo-Klassikers „Nel blu, dipinto di blu (Volare)“, „Meravigliosa creatura“, Abgang. „Un’estate italiana“, der Song zur WM in Italien 1990, muss erst erklatscht werden. Auch danach feiern die Fans noch minutenlang ihren Star.

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