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Die 180-Grad-Wende von Rapper Kanye West: Krasser, härter, lauter – irrer

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Lifetime Achievement? Den Kanye West, der hier im Juni sprach, können sie nicht meinen.
Lifetime Achievement? Den Kanye West, der hier im Juni sprach, können sie nicht meinen. © Getty Images via afp

Von der Integrationsfigur zum Verbreiter von Hass: Die Wandlung des Rappers Kanye West, der sich inzwischen Yé nennt. Von Klaus Walter.

Manchmal braucht es ja nur eine öffentliche Stimme, ein bekanntes Gesicht, um dem Ausdruck zu verleihen, was sowieso alle denken. Oder fast alle. ,George Bush doesn’t care for black people.‘ Schon heute ist klar, dass dieser Satz in die Geschichte eingehen wird, so wie Kennedys ,Ich bin ein Berliner‘ oder Martin Luther Kings ,I have a dream’.“

Vor siebzehn Jahren habe ich das in dieser Zeitung geschrieben, nachdem der Hurrikan Katrina über den Süden der USA gefegt war: Es gab an die 2000 Tote, die Mehrzahl davon arm. Und schwarz.

Rapper Kanye West: Er eignete sich gut als Integrationsfigur

„George Bush interessiert sich nicht für Schwarze!“ Den denkwürdigen Satz brüllt Kanye West bei einem Benefiz-Konzert für die Hurrikan-Opfer in die Kameras. „Die Regierung versucht den Schwarzen so langsam wie möglich zu helfen, je ärmer sie sind, desto langsamer.“ Blenden wir nochmal zurück in die Frankfurter Rundschau von 2005.

„Viele sehen in dieser Rede den Anstoß zu einer neuen Bürgerrechtsbewegung, mit Kanye West in der Rolle des neuen Martin Luther King, wenn nicht des neuen Malcolm X.“ Nun eignet sich der 28-jährige Sohn einer Pädagogenfamilie, Mutter Professorin und Vater Lehrer, gut als Integrationsfigur. Als Produzent erwarb er sich in den vergangenen Jahren den Respekt der gesamten R&B- und HipHop-Welt und verdiente entsprechendes Geld.

Rapper Kanye West: „Früher über Rassismus gerappt, jetzt will er nicht, dass ihr darüber sprecht“

2004 überraschte er mit seinem ersten eigenen Album als gewiefter Rapper. „The College Dropout“ erzählt die Geschichte vom Hochschulabbrecher und späteren Rap-Star Kanye West in einer Art self fullfilling prophecy. Das hat mehr mit dem guten alten American Dream zu tun als mit den Alpträumen, die im Gangsta-Rap inszeniert werden. Hinzu kommt, dass West nach einem lebensbedrohlichen Autounfall den Allmächtigen für sich entdeckt hat und davon gern Zeugnis ablegt.“

Nach Katrina liegt die Sehnsucht nach einer neuen Bürgerrechtsbewegung in der Luft. Kanye West profiliert sich als wichtige Stimme einer neuen Black Power. Mit bahnbrechend gegenwartshaltigen Songs wie „New Slaves“ oder „Diamonds From Sierra Leone“, die wortgewaltig neue Formen von Sklaverei und Ausbeutung anprangern, avanciert der Rapper zu einem der meistgehörten Kritiker des strukturellen Rassismus. Und dann?

„Why has he done a 180 on race?“ Fragt bereits 2016 die Website Genius.com und bringt die 180-Grad-Wende auf den Punkt: „Früher hat Kanye West über Rassismus gerappt, jetzt will er nicht, dass ihr darüber sprecht.“ Zweifel an Wests Geisteszustand löst ein wirrer Bühnenrant in San Jose aus, der gipfelt in der Behauptung: „Wenn ich gewählt hätte, ich hätte für Trump gestimmt.“ Es folgt ein Besuch im Hauptquartier des Immobiliendealer goes President, komplett mit Maga-Kappe. Dann die nächste spektakuläre Wende: Was Trump kann, kann ich auch, denkt Yé und tritt 2020 zur Wahl an. Er bekommt geschätzte 60.000 Stimmen.

Kanye West: In mehreren Tweets äußerte sich der Rapper antisemitisch

2024 soll es besser laufen. Dafür arbeitet der Kandidat schon am Teambuilding. Im November lädt er sich in Mar-a-Lago ein, dem Domizil des Ex-Präsidenten. Beim Dinner bietet der Rapper dem Gastgeber einen Job an. Man darf sich das etwa so vorstellen: „Donald, du kannst mein Vize werden, wenn ich Präsident bin.“ Donald ist nicht begeistert. Der Dritte am Abendessenstisch ist übrigens Nick Fuentes, Jahrgang 1998, Shooting Star der Neuen Rechten und ausgewiesener White Supremacist. Das bringt Schlagzeilen: „Trump hosts fascist Nick Fuentes and anti-Semite Kanye West for dinner at Mar-a-Lago.“

Das Prädikat Antisemit verdient sich West mit einer Serie von Tweets, in denen er sich über „jüdische Geldmacher“ mokiert, antijüdische Verschwörungserzählungen raushaut und Adolf Hitler ganz okay findet. Aber, kleine Fußnote: Antisemitismus im Rap ist keine Spezialität von Kanye West, er gehört zur Produktpalette. Von Public Enemy bis Ghostface Killah – Judenhass sells, auch in Deutschland: Hallo Kollegah, Bushido, Xavier ...

Rapper Kanye West: Als Erklärung dient die bipolare Störung und seine manischen Phasen

Bei der Paris Fashion Week performt Kanye West in einem T-Shirt mit der Aufschrift „White Lives Matter“, ein Slogan, den rassistische Organisationen verwenden. Außerdem ist Yé der Meinung, dass George Floyd, dessen Tod unter einem Polizistenknie die Bewegung „Black Lives Matter“ ausgelöst hatte, nicht durch Polizeigewalt starb, sondern an einer Überdosis Fentanyl. Die Familie Floyd verklagt West auf 250 Millionen Dollar. Dabei haben wir noch gar nicht über die Soap Opera Kardashian-West geredet …

Das sind nur die Greatest (S)Hits eines Künstlers, dem die Sicherungen durchgebrannt sind. Aus einem bedeutenden Sprecher des Schwarzen Amerika ist ein irr(lichternd)er Media-Egoshooter geworden, der es nicht erträgt, wenn es mal 15 Minuten still wird um Yé. Um die Stille zu vertreiben rotiert er in einer krasser-schneller-härter-lauter-Überbietungsspirale, die keiner erkennbaren Logik folgt.

Als Erklärung dient die bipolare Störung, unter der West leidet. In „manischen Phasen“ verliere er die Kontrolle, so die Ferndiagnose deutscher Psychiater. Schwer zu verstehen ist, dass es im West-Imperium keine Personen und Strukturen geben soll, die eben diese Kontrolle übernehmen. Aber das war ja schon bei Trump unbegreiflich, und der hat es bekanntlich ins Weiße Haus gebracht.

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