Vadim Repin

An den Rändern der Welt

Vadim Repin beweist auch in seiner neuen Aufnahme mit dem Brahms-Konzert, dass er ein großer Geiger ist.

Von JÜRGEN OTTEN

Ach, die Russen. Wir müssen sie beneiden, nicht nur wegen der Gasvorräte. In welchen Winkel dieses riesigen Landes man auch blickt, an jeder Ecke wohnt und winkt ein künstlerisches Talent (von politischen wollen wir hier lieber schweigen). Hier ein Maler, dort ein Schriftsteller, da ein Musiker. Und gerade was die letztgenannte Spezies angeht, und hier insbesondere die Vertreter der so genannten Klassik, scheint das Reservoir an Bedeutsamkeit unausschöpflich. Zumal bei Pianisten und bei Geigern.

Reden wir von Geigern. Zwei Königskinder sind da, die in der Post-Oistrach-Ära um den Titel des Thronfolgers streiten. Maxim Vengerov ist der eine. Ein phantastischer Geiger mit einem wundervoll warmen, intensiven Ton, der aber vor kurzem beschlossen hat, dass ihn das Musikerleben momentan zu sehr anstrengt. Vengerov macht eine schöpferische Pause.

Das zweite Königskind macht keine Pause. Er spielt und spielt und spielt, stets auf höchstem Niveau. Und wenn man ihn fragt, ob das nicht irgendwann zur Routine werden könne, dann schaut dieser freundliche Mann einen an, als habe man sich nach der Geheimnummer seiner Kreditkarte erkundigt oder nach der Adresse des KGB.

Eine Extratür im Künstler

Ein ruhiger, zurückhaltender Typ ist dieser Vadim Repin, der vor 37 Jahren in Nowosibirsk geboren wurde und in der Schweiz lebt. Fast könnte man ihn cool nennen, wäre da nicht das Verschmitzte in seinem Gesicht, dieses leise, hintergründige Lächeln. Kein Intellektueller, das wohl kaum. Mit Repin dringt man nicht in die (möglichen) philosophischen Tiefen der Musik. Zumindest nicht im Gespräch. Im Gespräch sagt er meist Sachen, die man im Gespräch eben so sagt, wenn das Mikrofon angeschaltet ist.

Er sagt beispielsweise, dass die Sprache, die er mit meiner Violine spricht, ihm leichter falle als Englisch oder Deutsch. Das Ausdrucksvermögen sei höher. Oder er sagt, Musik sei eine Kommunikation, sie erzähle von der Kommunikation mit dem Publikum, und das Publikum sei genauso so wichtig wie der Künstler, weil es eine Extratür im Künstler öffne, die es ihm ermögliche, zu geben und zu teilen. Solche Sachen sagt Vadim Repin. Und man ist schon geneigt, dies als professionelle Attitüde zu werten, da sagt Repin einen Satz, der etwas hellhöriger stimmt. Er sagt: "Das Orchester ist Partner und Publikum zugleich. Sie müssen es überzeugen. Es überraschen. Manchmal müssen Sie es sogar amüsieren. Wenn das klappt, ist es leichter, egal wie schwer das Stück ist."

Interessant ist dieser Satz vor allem deswegen, weil man das, was Repin über das Verhältnis der Interpreten, sei es ein Orchester oder ein Pianist, zueinander aussagt, in Repins Spiel hören kann. Denken wir nur an seinen Beethoven. Etwa die Kreutzer-Sonate, die er mit Martha Argerich, der Göttin des Klaviers, im Konzert gespielt und aufgenommen hat. Da sprühen die Funken, da wackelt die Welt, da strömt die Lava wollüstig aus dem Vulkan, und plötzlich steht alles still. Schnitt. Pause. Aus. Und Arkadien erscheint vor unserem inneren Auge. So in die Extreme getrieben, ist Repins Beethoven; man konnte das schon in der Interpretation des Violinkonzerts mit den Wiener Philharmonikern und Riccardo Muti hören. Ein Parforceritt durch die Seelenlandschaft des Komponisten ist diese Deutung.

Repin geht dabei an die Ränder der Musik, an die Ränder des Existenziellen. Das Geschmeidige ist ihm fremd. Obschon: Repins Spiel klingt geschmeidig. Selbst noch im ruppigsten Moment. Ein Poet brüllt nicht.

Repin hat - vielleicht auch aus Respekt vor diesen großen Geigern - lange gewartet, bis er das Beethoven-Konzert eingespielt hat. Und noch länger, bis er sich dem Brahms-Konzert zuwandte. Jetzt hat er es gewagt, gemeinsam mit dem Gewandhausorchester Leipzig und Riccardo Chailly.

Repin sagt dazu, dass eine derartige Angelegenheit des Herzens, je später man sie in Angriff nehme, umso komplizierter sei, einfach deswegen, weil das Leben selbst immer komplizierter werde. Seltsam genug, aber bei Repin klingt dieses Brahms-Konzert wie eine Mischung aus den späten Intermezzi für Klavier und der zweiten Symphonie in D-Dur. Als ein Werk der sinnenden Tiefe und erkennenden Reife, darin die Leidenschaften aber hinter jedem Taktstrich aufscheinen. Und es klingt so wie das, was der legendäre Geiger Bronislav Huberman einst über das Konzert sagte: Es sei dies ein Stück, in dem die Violine gegen das Orchester antrete - und am Ende gewinne.

Nichts zu verbergen

Über das Beethoven-Konzert hat Vadim Repin gesagt, man fühle sich wie nackt, wenn man es spiele: Es gebe einfach nichts zu verbergen. Was aber macht Brahms mit dem Solisten, wenn dieser schon bei Beethoven nackt ist? Ein Schmunzeln später antwortet Repin auf die Frage: "Grundsätzlich ist es sehr, sehr schwer, seine Persönlichkeit zu verstecken. Diese Persönlichkeit kreiert die Interpretation eines jeweiligen Stückes. Es geht durch Ihr Herz, durch Ihren Verstand. Und das kann man hören. Im Brahms-Violinkonzert müsste man eine große Menge an Erfülltheit hören - und angesichts der Tatsache, wie häufig in diesem Werk die Spielanweisung dolce steht, eine sehr introvertierte Musik."

Man kann das in der Tat hören. Man kann hören, wie subtil (klanglich wie habituell) die Gefühle des imaginären Helden dargestellt sind. Fragt man Repin, ob es Inspiration von außen gegeben habe, schüttelt er milde sein Haupt und sagt dann: "Wenn Sie sich nach anderen richten, können Sie ihr eigenes Spiel nicht genießen." Pause. Dann die Einschränkung: "Aber natürlich gibt es Geiger, die ich bewundere."

Es sind einige der ganz Großen. Jascha Heifetz, Fritz Kreisler, Isaac Stern, David Oistrach. Was aber macht Größe? Repin überlegt eine Weile: "Persönlichkeit." Was das ist? "Man merkt es, wenn diese Menschen sterben." Und die Russen? Warum sie so überlegen sind zuweilen, in der Musik? Repin meint, es sei der Instinkt. "Man taucht ab und sieht nichts. Und sieht dann, wohin das führt." Ach, diese Russen.

Beide Aufnahmen mit Vadim Repin sind bei der Deutschen Grammophon erschienen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion