1. Startseite
  2. Kultur
  3. Musik

Radu Lupu: Das Piano betasten

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Radu Lupu, 2010.
Radu Lupu, 2010. © imago

Meister der leisen Perfektion: Zum Tod von Radu Lupu, der 76 Jahre alt wurde.

Weit zurückgelehnt saß Radu Lupu auch in der Alten Oper Frankfurt immer wieder am Flügel, eine nicht lehrbuchmäßige Haltung – zumal am Klavier ohnehin kein Stuhl mit Rückenlehne vorgesehen ist, wie Lupu es aber bevorzugte. Dabei hatte seine Position nichts von jener Nachlässigkeit oder Schläfrigkeit, die sie ausstrahlen könnte.

Stattdessen erlebte man einen Menschen, der das Klavier aufmerksam betastete, einen wuchtigen Mann mit empfindlichem Anschlag, einen musikalischen wie auch technischen Perfektionisten, der Locken, Bart und unorthodoxem Habitus zum Trotz als Antivirtuose auftrat, zugewandt und unglamourös.

Radu Lupu gehörte zu den Klavier-Ausnahmen von Anfang an. Im November 1945 in Galati in Ostrumänien geboren, begann er mit sechs Jahren zu spielen, trat als Zwölfjähriger erstmals öffentlich auf – mit einem Programm, dessen Musik er komplett selbst komponiert hatte –, wurde mit 14 auf das Konservatorium in Bukarest aufgenommen und setzte seine Ausbildung in Moskau fort, gewann mit Anfang 20 große Wettbewerbe. Früh trat er mit dem Dirigenten Daniel Barenboim auf, auch mit Zubin Mehta oder Herbert von Karajan, unter dem er 1978 bei den Salzburger Festspielen debütierte, einem der Orte, an denen er bis zu seinem Karriereende regelmäßig zu erleben war.

Lupus Repertoire – Schumann, Schubert, Brahms, Mozart, Beethoven, aber auch Grieg – blieb dabei relativ schmal, die Aura des Kompromisslosen umgab ihn, seine Entscheidungen dabei durchaus eigenwillig. Mit der amerikanischen Sängerin Barbara Hendricks nahm er zwei Alben mit Schubert-Liedern auf, mit Daniel Barenboim vierhändige Schubert-Werke. Seine Einspielung von Schubert „Impromptus“ 1982 bis heute als Referenz-Aufnahme.

Lupu war ein Pianist für die, die eher eine subtile, leise und individuelle musikalische Wahrheit als den reinen Schönklang suchten. Sein Terrain war der Liveauftritt, seit den neunziger Jahren mied er Tonstudios. Der Grammy-Preisträger galt als zutiefst zurückhaltender Künstler, der kaum Interviews gab. Was er zu sagen habe, so Lupu, vermittle er am Instrument, von seinem Spiel sei er nicht zu trennen.

Seine Plattenfirma Decca ehrte ihn zum 70. Geburtstag 2015 mit den „Complete Recordings“ in einer 28-CD-Box. Lange lebte er in der Schweiz, war ein verlässlicher Gast beim Festival in Luzern. Im Sommer 2019 kündigte er an, aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr aufzutreten. Jetzt ist Radu Lupu 76-jährig gestorben.

Auch interessant

Kommentare