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Auch eine menschliche Verstrickung kann schön aussehen: Das „Radamisto“-Ensemble schart sich um Polinessa. 

Oper Frankfurt

„Radamisto“ an der Oper Frankfurt: Trost aus dem Glückskeks

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Vom Bockenheimer Depot auf die große Bühne gezogen: Die Oper Frankfurt startet mit einer gepflegten Wiederaufnahme von „Radamisto“ in die Saison.

Georg Friedrich Händels „Radamisto“ hat sich seinen Platz im Frankfurter Opernhaus mit fairen Mitteln erobert. Das Werk, das von wahrlich finsteren Schlachten zu berichten weiß, lief in der kleineren Spielstätte, dem Bockenheimer Depot, 2016 so erfolgreich an, dass es sich zum Saisonstart nun auf die große Bühne vorgearbeitet hat. Ein ungewöhnlicher Fall, der sicher damit zu tun haben wird, dass das schlichte, aber effektvolle Bühnenbild von Karoly Risz offenbar gut zu übertragen war.

Auch hier ragt sie nun steil hoch, die Holztreppe, die die kleine, unbehagliche Welt des überschaubaren Personals darstellt. In der dadurch noch enger und unentrinnbarer wirkenden Familiensituation – dabei gibt es teils versteckte, teils offensichtliche Abgänge, und die erste Reihe kann sich gelegentlich auch ganz direkt von den aufgebrachten Figuren anschreien lassen – zeigt sich die Liebe als Obsession verachtenswerter Art. Kihwan Sims Tiridate, die prächtige Originalbesetzung, ist ein zutiefst komischer, chaplinesker Diktator, aber ein Diktator bleibt er doch. Selbst das Ende wird durch ihn in seiner etwas aufgezwungenen Rigorosität glaubhaft, gerade in seiner bizarren Seite: Regisseur Tilmann Köhler hat sich ausgedacht, dass Tiridate das Lieto fine durch ein keinen verschonendes Kehledurchschneiden unterläuft (keine Sorge, sie können weitersingen). Eigentlich ist das eine Schnapsidee, aber Tiridate könnte genau so etwas unbedingt einfallen.

Die Inszenierung überzeugt

Auch im Opernhaus überzeugt Köhlers Inszenierung insgesamt durch einen reizvollen Umgang mit dem Statischen – fabelhafte Gemäldetableaus –, durch Details und nicht zuletzt durch ein sich in durchaus barocker Manier von Situation zu Situation Hangeln – es ist grandios, wenn Vince Yi (Fraarte) seine tröstliche, aber naturgemäß sentenzhafte Arien-Hauptaussage aus einem Glückskeks zieht. Die Personenführung ist ausgezeichnet und in der Wiederaufnahme frisch wie am ersten Tag. Sie erfasst nicht nur die Hauptfiguren, gerade Yi und Kateryna Kasper als Fraarte und Tigrane geben ein groteskes, windiges Pärchen ab.

Erneut ist der großartige Counter Dmitry Egorov als Titelheld zu erleben (bestimmt könnte er auch Glas zum Zerspringen bringen). An seiner Seite (beziehungsweise tragisch ihm entrissen) nun Zanda Svede als stimmlich großformatige, wunderbar tief grundierte Zenobia. Jenny Carlstedt überzeugt über die Maßen als abgeklärte, auch stimmlich ganz feingliedrige Polissena. Überhaupt ist die Timbremischung des Ensembles auf schönste Abwechslung ausgerichtet – an sich zwingend bei einer derartigen Arienkette, aber keine Selbstverständlichkeit.

Bibi Abels dominante Videos, die aktuellen Krieg, Manga-Splatter-Szenen und nachher viel Rot, rot wie Blut & Lava, über die Treppe gießen, überzeugen praktisch mehr als theoretisch. Sie tragen zur einer ungebärdigen Lebhaftigkeit bei, die ausnahmsweise nicht ins Leere geht, sondern einen bunten Alptraum erzählt. Lebhaft auch das Opern. und Museumsorchester im erhöhten Graben, angeleitet vom Premierendirigenten Simone Di Felice.

Oper Frankfurt:1., 5., 14. September, auch im Dezember /Januar. www.oper-frankfurt.de

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