Alte Oper

Das Quatuor Ébène in Frankfurt: In der Verknappung liegt die Größe

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Das Ébène-Quartett im Beethoven-Jahr mit den Streichquartetten des Meisters in der Alten Oper.

Vier Streicher reichen, in Sachen Beethoven Rasanz und Attacke zu vermitteln, wie sie kein Orchester zuwege bringt. Der Premium-Bereich der klassischen Musik ist nicht umsonst die Kammermusik, und dabei – neben dem Solo-Klavier – namentlich das Streichquartett. Direktheit, Schärfe und Homogenität. Differenziertheit im dynamischen und größtes Profil im rhythmischen Bereich: in der Verknappung liegt die Größe.

Zuletzt war es ein hinreißendes Saiten-Glühen, das das Quatuor Ébène zuwege brachte. Im Finalsatz von Ludwig van Beethovens C-Dur-Quartett op. 59 Nr. 3. An Tempo schwerlich zu überbietende Läufe, die den klanglichen Prozess zu einem Sturm, einer Parforcejagd, einer manischen Entäußerung machten. Nach oft intrikaten, in sehr verschiedenen Zonen artikulatorischer Prägung eine vierfache Entladung. Im Beethoven-Jahr feiert das Ébène-Quartett, das im Millennium gegründet wurde, seinen zwanzigsten Gründungstag. In der Nähe von Paris, aus dem Konservatorium von Boulogne-Ballancourt hervorgegangene Musiker hatten sich zusammengetan.

Dynamische Extremwerte

Heute besteht das Ensemble aus den in ihren 30er- und frühen 40er-Lebensjahren befindlichen Musikern Pierre Colombet, Gabriel Le Magadure, Marie Chilemme und Raphaël Merlin. Jetzt zum 250. Geburtstag Beethovens haben sich die auf Instrumenten seiner Zeit spielenden Musiker die gesamte beethovensche Streichquartett-Produktion zu eigen gemacht, die sie in toto zu Gehör bringen werden in Paris, München New York und Hamburg, aber auch bei den Museumskonzerten in Frankfurt. Sechs Konzerte sind es, in denen die insgesamt 16 Quartette des Meisters im Mozart Saal der Alten Oper präsentiert werden.

Den Auftakt machte das allererste Werk dieser Königs-Gattung: die Numero 1 aus der Werkreihe Opus 18. Da hatte sich schnell gezeigt, dass die drei Männer und die eine Frau im Frühwerk schon eine Energie und eine gestische Virulenz erleben, die man oft erst dem späteren, mittleren Beethoven zuweist. Die attackierende, herausfahrende Geste, die pointierte, akkordische und repetitive Setzung, dynamische Extremwerte – das spielt sich zwar noch nicht in weit ausgearbeiteten konstruktiven Zugriffen und Verwerfungen ab, aber der überkommenen Fasson werden Angriffe zugemutet, die letztlich zum eigentlichen Attraktor des Geschehens werden.

Die über ein einziges Quartett nicht hinausgekommene Opus-Zahl 72 zeigte mit der Es-Dur-Schöpfung von 1809 schon Tendenzen einer ruckartigen Dramaturgie und in leicht motorischer Starre endende Passagen. Dann aber wieder Züge einer tobenden Kraft, die im Spiel der Franzosen vier Fäuste für ein musikalisches Hauen und Stechen in größer Formidabilität waren. So mächtig drauflos sich die Musiker auch verausgaben konnten, so subtil bewährten sie sich in gänzlich heruntergefahrenen und dann auch völlig vibratolos gegebenen Klanglinien. Bis hinab zu schattenhafter, vorartikulatorischer Zuständlichkeit und Versonnenheit. Ein gerne übersehenes beziehungsweise überhörtes Element beethovenscher Originalität wurde so Ereignis: Spannung der Leere.

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