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Wilson Ng dirigiert die Junge Deutsche Philharmonie in der Alten Oper Frankfurt.

Alte Oper

Die punktgenaue Ekstase

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Beim 1822-Neujahrskonzert in Frankfurt zeigt sich, was Musik kann. Die Junge Deutsche Philharmonie unter der Leitung von Wilson Ng.

Jahr für Jahr erschrecken sich die Schreckhaften, wenn bei den letzten Tönen mit einem Knall das gigantische Tuch von der Decke heruntergerollt wird, auf dem uns allen ein schönes neues Jahr gewünscht wird. Dazu die erst allmählich sich ausbreitende Wolke bunter Papierschnipsel, der helle Wahnsinn. Auf das 1822-Neujahrskonzert in der Alten Oper Frankfurt, traditionell spät, traditionell experimentierfreudig, ist in dieser Hinsicht Verlass, aber dazwischen vergehen natürlich zwölf Monate.

Die Tradition der Experimentierfreude bringt dabei die Junge Deutsche Philharmonie mit, bei deren Konzerten ohnehin Stimmung ist, aber selten so sehr wie bei diesem Januartermin. Diesmal trug auch der als Frechdachs und Alleinunterhalter auftretende Dirigent Wilson Ng dazu bei, 1989 in Hongkong geboren, 2017 beim Georg-Solti-Dirigentenpreis in Frankfurt mit dem zweiten Platz ausgezeichnet und im genießerischen, tänzerischen Bewegungsmodus am Pult doch offensichtlich ein Mann der Sorgfalt und Genauigkeit. So schwelgerisch das mit durchaus breitem Pinsel gemalte Programm, so akkurat die Darbietung: Punktgenaue Ekstase, da kann die Musik etwas – und kann es sogar immer wiederholen –, das das Leben fast nie hinbekommt (nur zufällig).

Die Junge Deutsche Philharmonie als Nachwuchsorchester zu bezeichnen, fiel diesmal etwas schwer. Der homogene Gesamtklang der Streicher (teuflisch fein und markant die Celli) ließ keine Wünsche offen, zum Teil großartig auch die Solisten – die unaufdringlich, aber bestimmt sich über das Tutti setzende Konzertmeisterin, die hart geforderten Bläser, denen manchmal der Atem zu flattern schien, aber es gelang ihnen doch alles.

Farbenreichtum für das Ohr: Am Anfang stand die „Mathis der Maler“-Sinfonie von Paul Hindemith, mit einem silbrig eisigen „Engelkonzert“, dann auch mit herrlichen Wendungen ins opernhaft Große. Alexander Skrjabins „Poème de l’extase“ ist in seiner eigenartigen Knochenlosigkeit gewiss eine Herausforderung, aber es lief auf nichts Mulmiges hinaus. Ein glasklares Geflecht wurde von Ng wie beiläufig herausgearbeitet.

Nach der Pause ließen das Orchester und sein alerter Dirigent keine Volte in Modest Mussorgskys „Bildern einer Ausstellung“ (von Ravel orchestriert) ungenutzt vorübergehen, selten einen so kontrastreichen „Gnomus“ gesehen, nein, gehört, selten so aufmüpfige Kinder, ein so genau getaktetes bombastisches Ende. Dem hinreißende Zugaben folgten, Rasantes von Aram Khatchaturjan, Nächtliches von Sergej Prokofjew, zuletzt ein Schostakowitsch-Walzer zum Mittanzen. Schluss war dann auch nur, weil die Mitwirkenden aufstanden.

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