Frankfurt

Punktgenau und bestens pariert

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Bizet, Saint-Saëns, Strawinsky und eine vorzügliche Einspringerin beim Museumskonzert in der Alten Oper.

Warum die heute durchaus vertraute C-Dur-Sinfonie Georges Bizets erst 1935 uraufgeführt wurde und damit 80 Jahre nach ihrer Entstehung, erklärte sich im 4. Museumskonzert durch den darauf folgenden Programmpunkt: Camille Saint-Saëns’ 1. Cello-Konzert in a-Moll, das der 37-Jährige 1872 komponierte. Reiche Figuration in variativer Assoziation des biegsamen und anschlussfähigen motivischen Materials. Eleganz und wechselhafte, reichhaltige Mimik der Klangbewegung. Anregend und jederzeit bereit, den konzentrierten, aber auch den zerstreuten Hörer anzusprechen.

Die Sinfonie des 17-jährigen Bizet dagegen zwar behänd und plastisch in der thematischen Arbeit. Aber eben tradiert formbewusst mit Mozart- und Mendelssohn-Anschluss. Kein autochthones Idiom, keine Habanera à la Carmen, sondern wirbelnde, helle Sonatenhauptsatzförmigkeit. Die konnte offenbar erst zu Zeiten artistischer Neo-Klassik zur Geltung kommen und jetzt im Großen Saal der Frankfurter Alten Oper besonders frisch und durchtrainiert. Das lag an dem Zugang Tung-Chieh Chuangs, des jungen taiwanesischen Dirigenten, der das Werk seiner hyperschlanker und bestens in Haltung befindlichen Erscheinung gewissermaßen adaptierte. So fein durchgezeichnet und punktgenau kamen die schnellen Laufbewegungen in zurückhaltender, aber gefechtsaktiver Dynamik – von den geforderten Streichern des Museumsorchesters bestens pariert. Ebenso die pointierten Motiv-Einwürfe der Holzbläser.

Im Cello-Konzert erlebte man als Einspringerin für den erkrankten Kian Soltani ein Talent aus der Schweiz: Chiara Enderle, die mit einem runden und differenzierten Ton die divergenten Bewegungsausdrücke ihres Parts glänzen ließ. Absolut intonationssicher kam die salonhafte Seite dieser einst blühenden Virtuosengattung wie Kammermusik zum Tragen, und damit einer eher abgekühlten Zeitgenossenschaft ohne Plüsch und rauschende Seide sicherlich entgegen.

Solche Stoffe waren bei Igor Strawinskys frühen Balletten mit ihren märchenhaften Neo-Folklorismen samt den barbarisch-modernen Schlaglichtern sowieso nicht zu gewärtigen und traten in dem final gegebenen „Petruschka“ – Burleske in vier Bildern in der Fassung von 1947 – ganz zurück. Hatten doch die Museumsmusiker die wenig narrative, dafür umso stärker die mechanischen Aspekte des Kirmestrubels betonende Sicht ihres auswendig dirigierenden Leiters völlig verinnerlicht. Dennoch spielten sich hier keine maschinellen Szenen ab, sondern in vollem Saft stehende, plastische Orchesterattraktionen, die das Schicksal von Petruschka fast vergessen ließen.

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