Östro 430 (v. l.): Köster, Weith, Flörchinger.
+
Östro 430 (v. l.): Köster, Weith, Flörchinger.

Östro 430

Punk-Band Östro 430: Nichts los bei Kerzenlicht und Kuchen

  • vonStefan Michalzik
    schließen

Die Punk-Band Östro 430 erhält eine Werkschau 1981-1983, die unvermindert Laune macht.

Sexueller Notstand/ Was dir bleibt ist deine Hand/ Drum nimm dir ein paar Pornos/ Und pinn’ sie an die Wand/ Mit den Typen ist heut’ nichts mehr los/Jedesmal die gleiche Pein/ Sie ficken wie Kaninchen bloß/ Und pennen nach ’m Orgasmus ein.“ Wenn das mal nicht an tradierten Rollenbildern rüttelt. Ob in Großbritannien, dem Ursprungsland, oder in Deutschland: Frauen hat es in der Ära des Punks und New Waves um 1980 herum zwar nicht gerade im Übermaß gegeben, aber es gab sie. In Deutschland sind vor allem Die Mimmis sowie Gudrun Gut und ihre Band Malaria zu nennen, in einer anderen Liga Ideal und die Neonbabies, in einer noch ganz anderen auch Nina Hagen.

Nun ist eine Werkschau der rein weiblich besetzten Band Östro 430 erschienen, unter dem – was trapst da schnell noch? – Titel ,,Keine Krise kann mich schocken“, in einem verdienstvollen Akt der späten Würdigung durch das Hamburger Label Tapete Records. Ein wichtiger Einfluss sind Östro 430 für viele Musikerinnen gewesen, unter anderem für Christiane Rösinger.

Das Gesamtwerk der Band passt auf zwei LPs oder eine CD. Die Wurzeln des Quartetts um die Sängerin und Saxofonistin Martina Weith, Bettina Flörchinger an den Keyboards, die Bassistin Gisela Hottenroth und Birgit Köster am Schlagzeug (anfänglich ist die Besetzung noch ein wenig anders gewesen) liegen, wie bei so vielen Größen der damaligen Zeit, in Düsseldorf, genauer gesagt, im mythisch gewordenen Ratinger Hof, wo Gruppen entstanden sind wie DAF, Der Plan, S. Y. P. H., Mittagspause (aus denen später Die Fehlfarben hervorgingen) und KFC – aus denen später Die Toten Hosen hervorgingen, deren Sänger Campino in den Liner Notes zu der Werkschau schreibt, Östro 430 hätten eine derartige Power gehabt, dass sie gar keine E-Gitarren brauchten, um die Fans bei ihrem ersten Auftritt im Jahr 1980 zum Pogen zu bringen. Das kann man sich prächtig vorstellen.

Die Werkschau: Östro 430 -Keine Krise kann mich schocken. Tapete Records/Bureau B/Indigo.

Musikalisch ist das Werk von Östro 430 gekennzeichnet von pumpenden Rhythmen, quäkenden Synthies, wummrigen Bässen und einem trötigen Saxofon sowie öfters galoppierendem Ska-Turbogang. Ein wenig vergröbernd lässt sich von einer Stiefschwesterschaft zu den Fehlfarben sprechen. Die 7’’-Single ,,Vampir“ (1982) wurde von dem legendären Conny Plank in seinem Studio in Wolfenrath aufgenommen und produziert.

,,Weiber wie wir“ nannten Östro 430 ihre einzige Langspielplatte, die 1983 veröffentlicht wurde. Diese ,,Weiber“ wussten sehr genau, was sie sexuell wollten – und sie wollten nichts von der Frauenbewegung der siebziger Jahre wissen. „Euren Frauenzeichenfetischismus find’ ich doof/ Bei Kerzenlicht und Kuchen ist doch nichts los“, heißt es in dem Song „Normal“. „Denn ich bin ganz normal/ Jawohl, ganz stinknormal/ Denn ich brauch’ so ab und an/ Einen Mann, einen Mann, einen Mann“.

Da würden heute wahrscheinlich die Alarmglocken losgehen. Feminismus, hat Martina Weith kürzlich in einem Interview gesagt, sei für sie nie ein Thema gewesen. Sie habe einfach immer gemacht, was sie wollte. ,,Ich glaube aber, dass wir für den Feminismus mehr erreicht haben als manche Singer/Songwriterinnen.“

Die Musik von Östro 430 ist in einer Weise ihrer Zeit verhaftet, dass die Frage, wie gut sie gealtert ist, keinen Sinn ergibt. Es ist eine unbedingt liebens- und hörenswerte DIY-Musik, die über den enormen pophistorischen Wert hinaus unvermindert Laune macht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare