Antony and The Johnsons

Vom Puff in den Palast

Auf "The Crying Light" hört man Kunstliedpop, der die Liebe auf der Aue besingt. Antony setzt sich als Was-auch-immer-Wesen den Bäumen und Bienen und dem Wind gleich, der ihn doch immer so schön geküsst habe.

Von TOBI MÜLLER

Mit Antony Hegarty, mit diesem, je nachdem, weibischen Sänger oder dieser tiefer gelegten Sängerin, mit diesem Koloss der Tränenkunst und des flackernden Vibratos, mit Antony, wie man den 38-Jährigen bald nur noch nannte, ließ sich so schön einen Staat aus Begriffen machen. Gender oder Transgender - Faun, Fisch oder Vogel.

Mit Antony konnte man leicht um Verständnis für die Theorien des Queer werben. Dazu hielt die in England geborene und in den USA aufgewachsene "Transgender Person" netterweise immer die richtigen Zeichen bereit. Über Divine, die verstorbene Star-Transe, sang Antony aus vollem Hals: "I hold your big, fat heart in my hands."

Mit Boy George schmachtete er auf dem letzten Album ein Duett mit dem Titel "You Are My Sister". Und das Art Work von "I Am A Bird Now" zeigte die berühmte Fotografie der Warhol-Ikone Candy auf dem Totenbett.

Es waren immer klare Nachrichten aus der Zone der unklaren Geschlechter. Es war immer ein Theater mit ganz viel Schminke und dicken Linien, vollen Kehlen und ausladenden Gesten. Es war grandios im Sinne von: larger than life.

Und jetzt, auf dem dritten Album, kommt dieser dicke, starke, homosexuelle und selig lächelnde Antony mit seiner Band The Johnsons und singt nicht etwa von der Geschichte der Geschlechter, sondern: von der Natur! Vom Feind der Theorie! Antony setzt sich als Was-auch-immer-Wesen den Bäumen und Bienen und dem Wind gleich, der ihn doch immer so schön geküsst habe.

Mit "The Crying Light" verabschiedet sich dieser Ausnahmesänger vielleicht von seiner eigenen Geschichte, von seiner Peer Group der New Yorker Gender Bohème. So sehr er in Interviews betont, dass er noch immer derselbe Underground-Künstler sei wie früher: Warum singt er dann nicht mehr davon? Wir hören fasziniert zu, wie ein großer Künstler abermals wächst.

Dieser Wandel zum Wald hat auch musikalische Konsequenzen: Die Stimme klingt weniger "drüber", auch in der Kopfstimme nicht. Als hätte man die Stimmbänder etwas abgeschminkt - oder nur dezent gepudert. Und die Arrangements der Streicher, Flöten, Pianos und vereinzelten Hackbretter suchen nicht mehr die Grenze zur Exaltiertheit, sondern klingen ganz nach Konzertsaal.

Das hat nichts mit Opulenz zu tun, gerade nicht. Sondern eher mit Zurückhaltung. Wenn man sich die Säle anschaut, in denen Antony im Frühjahr spielen wird, ist der Aufstieg vom Kunstpuff in den klassischen Kammerpop gleich noch einmal zu sehen: Alte Oper in Frankfurt, Admiralspalast in Berlin, Kongresshaus in Zürich.

Es ist, als würde Antony die gesellschaftliche Konstruktion des Geschlechts in die Wüste schicken und sein Trans-Gender gleichsam naturalisieren. Hier stinkt einfach gar nichts mehr nach Differenz, nach Dark Room, Sperma und Theorie, dafür nach paradiesischen Auen, wenngleich oft in der Beschwörung von etwas Vergangenem, oder gerade Vergehendem.

Vielleicht ist Antony jener Schwule, der die Heteros endlich ganz kriegt, weil er nur von Liebe, aber nie von Sex erzählt. Die Falsettstimmen der historischen Discoqueens wie Sylvester ("You make me feel mighty real") oder später auch von Bronski Beat ("Smalltown Boy", "Why") waren immer karnevalistischer. Liebe hieß Sex, Punkt.

Bei den leicht verklemmten Bronski Beat hatte man noch umständlich die Innenhülle der Platte zu lesen: ein Länderverzeichnis des jeweiligen Schutzalters für Geschlechtsverkehr ("Age of Consent"). Sylvester musste man bloß anschauen, dieser Lipgloss sprach eindeutig zweideutig. Für Antony aber ist die Unentschiedenheit der Geschlechter keine künstlerische Kostümierung mehr, sondern eine Art Naturzustand.

Trotzdem markiert dieses flirrende Album keine radikale Umkehr des Künstlers, wie man ihn zu kennen glaubte. Dass die Abweichung in Körper und Stimme irgendwann ihre eigene Klassizität, ihre eigene Geschichte reklamiert, erscheint weniger als Bruch denn als Folgerichtigkeit. Es ist eine Klassizität, die man auch mit Selbstverständlichkeit übersetzen könnte. Oder mit Souveränität.

Tourneedaten: www.antonyandthejohnsons.com

Antony and The Johnsons: The Crying Light (Rough Trade / Beggar's /

Indigo).

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