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Pretty Yende mit ihrem Begleiter Michele D’Elia.

Liederabend Pretty Yende

Pretty Yende: Das Gespür für Beweglichkeit

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Ein bis ins Pianissimo fein ausgearbeiteter Liederabend Pretty Yendes in der Oper.

Eine neue Jessye Norman wird sie nicht werden, Pretty Yende, die in Südafrika geboren wurde. Die mittlerweile in allen großen Häusern präsente, namentlich an der New Yorker Metropolitan Opera aktive Sopranistin ist das ganze Gegenteil der jüngst verstorbenen Diva. Kein hochdramatischer Sopran und ein ganz anderer Habitus, eine ganz andere Stimmgebung. Eindrücklich war trotzdem Yendes Auftritt bei den Liederabend-Konzerten der Frankfurter Oper, wo der Publikumszuspruch so groß war, dass die Ränge geöffnet werden mussten.

Eine zierliche, lebhafte, wenngleich nicht quirlige Erscheinung bietet die 34-jährige, in Mailand wohnhafte Künstlerin, deren Sopran leicht und in der Dynamik höchst beweglich ist. Zierlich wäre auch eine Qualifizierung der Stimme, wenn damit nicht zu sehr Pittoreskes und Kleines verbunden sein könnte. Dennoch: die oft ganz druckfreie, fast beiläufige, aber genau ausgearbeitete Handhabung des Piano- und Pianissimobereichs schufen eine oft mädchenhaft anmutende Naivität. Freundlich – das ist zwar auch keine echte Stimmcharakterisierung, aber zur vokalen Atmosphäre Yendes passte das auch in der mimischen, publikumszugewandten Weise, mit der keine augenzwinkernde und augenrollende Ironie oder Melancholie einherging.

Das war trefflich in Übereinkunft mit dem Programm, das die Sängerin gemeinsam mit ihrem pianistischen Begleiter, dem Italiener Michele D’Elia bestritt, der mit einer fließenden, apollinischen und biegsamen Artikulation der Yendeschen Vokalität Fundierung gab. Typisch, dass große Liedgruppen mit Kreationen von Robert Schumann und Richard Strauss bestückt waren. Beides Komponisten, die das Bohrende, melancholisch Gedrückte kaum kennen und eine helle, bewegliche und aufgeräumte Klanggebung bevorzugen. Bei Strauss beeindruckte das Gespür Yendes für die innere Beweglichkeit, mit der die Schwingung zur Formbildung und damit zum Halt der Lieder führt. Manchem mitteleuropäischen Interpreten gerät da mit trockenem Durchsingen oft allzuviel zu einer „strohernen Epistel“.

Ungewöhnlich, aber für die Ambitionen und Möglichkeiten der Sängerin treffend, waren Lieder aus Gaetano Donizettis Zyklus „Nuits d’ète à Pausilippe“ sowie die Kavatine „Que n’avons-nous des ailes“ aus „Lucie de Lammermoor“. Hier kamen die belcantischen Qualitäten der Stimme zum Tragen: Treffsicherheit bei großen und hohen Intervallsprüngen, tragfähige Koloratur-Aktivität, wobei die Öffnung der großen Höhe und ihr Beherrschen in zartem Angang noch weiter fortschreiten wird. Francesco Paolo Tosti (1846-1916) war mit drei Liedern vertreten, deren leichter, tändelnder und genießerischer Aspekt Pretty Yendes Stimme sehr entgegen kam.

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