Potsa Lotsa XL und Silke Eberhard, Mitte. Foto: Ruth Hommelsheim
+
Potsa Lotsa XL und Silke Eberhard, Mitte.  

Album

Potsa Lotsa XL: „Silk Songs for Space Dogs“ – Exkurse in den Orbit

  • vonHans-Jürgen Linke
    schließen

Silke Eberhards Potsa Lotsa XL mit „Silk Songs for Space Dogs“.

In Silke Eberhards Musik haben Charles Mingus und vor allem Eric Dolphy deutliche Spuren hinterlassen, obwohl sie keinem von beiden je begegnet ist. Bei Mingus hätte es zumindest theoretisch eine Chance gegeben, allerdings ist er 1979 gestorben, da war Silke Eberhard noch nicht im Jazz-Alter.

In Sachen Eric Dolphy aber und in seiner Art, Musik zu erfinden und zu verstehen, ist Silke Eberhard eine echte Autorität. Sie hat in verschiedenen Kontexten seine Kompositionen für alternative Instrumental-Konstellationen arrangiert, hat ein unvollendetes dreisätziges Stück von ihm zu Ende geschrieben und eingespielt, und seit gut zehn Jahren ist sie mit ihrer Band Potsa Lotsa zugange, die als Bläserquartett entstand, sich zum Septett aufstockte und mittlerweile als Potsa Lotsa XL zum Tentett angewachsen ist. „Potsa Lotsa“ ist ein alternativer Titel für Eric Dolphys Komposition „Number Eight“.

Und auch wenn alle Stücke, die dieses Album enthält, von Silke Eberhard geschrieben wurden, ist doch Dolphys Geist allenthalben präsent.

Potsa Lotsa XL: Silk Songs for Space Dogs.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sich diese Musik stilistisch nur aus einer verklärten Vergangenheit nährt. Es geht eher darum, für eine größere Besetzung – für die bescheidenen Verhältnisse, an die man im Jazz gewöhnt ist, ist ein Tentett schon fast ein Orchester – eine musikalische Sprache zu erfinden, die nicht mit gängigen Bigband-Redeweisen daherkommt. Solche Wege sind seit den befreienden sechziger Jahren vielfach gesucht und eingeschlagen worden, etwa vom Willem Breuker Kollektief, von der Globe Unity, Ulrich Gumperts Workshop Band oder eben von Eric Dolphy und Gunther Schuller; sie sind ohne sorgfältig planende, also kompositorische Arbeit wohl nicht zu haben.

Silke Eberhards Musik lässt den Musikern und Musikerinnen viel Freiraum, aber sie legt sie auch immer an eine Leine: Sie markiert Vorgaben, von denen man sich nicht einfach entfernen kann, definiert Stimmungen und schafft Klänge, Reibungen und Färbungen, die respektvoll behandelt werden müssen. Nicht, weil die Chefin es will, sondern weil es musikalisch lohnt und weil dabei eine gemeinsame Sprache entsteht, um die sich jedes individuelle Ausdrucksvermögen erweitern kann. Die wunderbar schrägen, gewundenen, verwickelten und unvorhersehbaren Wege, die Silke Eberhards Kompositionen finden, stecken voller Abbiegungen, Plötzlichkeiten und Exkursen in den Orbit („One for Laika“) – ein spannendes Gelände für Suchbewegungen und für die Arbeit an neuen Ausdrucksweisen in einer bewegten Balance zwischen orchestraler Ordnung und dem zehnfachen Eigensinn in ihrer Band.

In dieser Konzeption ist durchaus viel Jazz-Geschichte hörbar. Wer Mingus oder Dolphy mag und den so genannten Third Stream schätzt, wird sich hier schnell zu Hause fühlen. Aber um in Nostalgie oder der willkürlichen Regelhaftigkeit einer historischen Aufführungspraxis zu versinken, ist diese Musik viel zu eigen und zu reich an klanglicher Feinarbeit, und die Solistinnen und Solisten sind ganz und gar im 21. Jahrhundert verortet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare