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"Pop muss überraschen und auch überfordern"

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Von: Christian Schlüter

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"Alles, was ich tue, ist von Pink Floyd inspiriert", sagt Steven Wilson.
"Alles, was ich tue, ist von Pink Floyd inspiriert", sagt Steven Wilson. © imago

Der britische Musiker Steven Wilson über die Sterblichkeit, einen exzellenten Klang und sein neues Album "To the Bone".

Es gibt zurzeit keinen anderen Musiker im Progressive Rock, der so populär ist wie Steven Wilson. Der Brite renoviert diesen Musikstil, der in den siebziger Jahren mit Bands wie King Crimson, Yes, Genesis. Emerson, Lake & Palmer oder Pink Floyd seine Hochzeit hatte. Vor allem die letzten drei Alben Wilsons – „The Raven That Refused To Sing“, „Hand.Cannot.Erase“ und jetzt das am Freitag erscheinende „To The Bone“ – lassen die selbstzweckhafte Artistik des klassischen Prog-Rock hinter sich. Stattdessen geht es wieder um gut erzählte Geschichten, und um Pop: Musik, die etwas über unsere Gegenwart zu sagen hat.

Mr. Wilson, der Tod spielt in Ihrem Werk eine große Rolle. Er ist eigentlich Ihr dauernder Begleiter…
Na, das Gespräch fängt ja gut an. Sehe ich schon so alt aus? Aber ja, Sie haben recht. Mit dem Tod oder, wie ich das nenne, mit der Sterblichkeit des Menschen beschäftige ich mich, so lange ich denken kann. Alles Menschenwerk steht im Zeichen der Endlichkeit – in der Erkenntnis, einmal zu sterben, und der Hoffnung, dem Tod zu entkommen. In dieser Spannung entsteht auch meine Musik.

Andere Menschen suchen Zuflucht in der Religion.
Aber wenn Sie nicht religiös sind, und ich bin nicht religiös, dann messen Sie alles an der eigenen Vergänglichkeit. Dann verwandeln sich Schmerz und Unglück in Melancholie oder auch Nostalgie. Das sind menschliche Stimmungen: Wir erinnern ein Stück des Glücks, aber wissen zugleich, dass dieses Glück unwiederbringlich verloren ist. Als ich an dem Album „The Raven That Refused To Sing“ (2013) schrieb, war mein Vater gerade gestorben.

Das „Raven“-Album handelt von dem persönlichen, den individuellen Tod.
Ja, und es liegt damit außerhalb der Zeit: Wenn Sie etwas unwiederbringlich Verlorenes, einen geliebten Menschen zurücksehnen, kann es sein, dass Ihnen Gespenster oder Fabelwesen begegnen. Sie können nicht loslassen, aber alles, was Sie festhalten, wird zu einem fantastischen, mal mehr, mal weniger monströsen Albtraum. „Raven“ ist deswegen in einem Fantasy-Kontext angesiedelt.

Auf „Hand.Cannot.Erase“ haben Sie sich dann 2015 mit einer weiteren Facette des Todes beschäftigt, mit dem sozialen Tod.
Das Album nimmt einen konkreten Fall zum Anlass: Das Leben und der Tod von Joyce Carol Vincent. Die junge Frau verschwand 2003, bis ihre verweste Leiche nach zwei Jahren in ihrer Londoner Wohnung gefunden wurde. Ein unglaublicher Fall, denn obwohl Vincent eine Familie und Freunde hatte, konnte sie sich unbemerkt aus diesem sozialen Netz schleichen. Niemand hat sie vermisst. Wir kennen diesen Tod auch in abgeschwächter Form, etwa wenn ein guter Freund aus unserem Leben verschwindet und in unserer Erinnerung erlischt.

In Ihrem neuen Album „To The Bone“ halten Sie am Thema fest, hier ist es der politische Tod.
Ich beschäftige mich mit der Gesellschaft, in der wir heute leben, mit dem Wahnsinn der Selbstmordattentäter, mit unserer Selbstentblößungswut auf Facebook, mit Fake News.

Ein zentrales Motiv ist die Wahrheit und der Kampf um sie.
Ich persönlich glaube, dass es nicht die eine Wahrheit gibt. Politiker lügen, viele Menschen haben viele Wahrheiten. Was sie als Wahrheit bezeichnen, würde ich als Glauben beschreiben. Sie glauben an Gott A und ich an Gott B. Absolute Wahrheit heißt dann: Sie glauben an einen Gott und ich an einen anderen, und dann gibt es noch einen wirklichen Gott, der wiederum vollkommen anders ist. Das führt zu nichts, außer zu Mord und Totschlag.

Aber in dem Titelsong sprechen Sie doch davon, dass uns etwas bis auf die Knochen berührt.
Wahrheit heißt doch, dass es die eine objektive Wahrheit, die eine Realität gibt. Was wir aber nur haben können, ist eine Meinung.

Das nehme ich Ihnen nicht ab. Sie selbst sind ein großer Wahrheitssucher. Zumindest in der Kunst: Sie haben eine sehr genaue Vorstellung davon, wie etwas klingen soll. Sie sind penibel bis zum Äußersten.
Das stimmt. Ich liebe klangliche Exzellenz (sonic excellence), ich liebe den Breitwandsound.

Sie produzieren Ihre Musik so, dass Sie in dem aufwendigen 5.1.-System am besten klingen sollen. Ist das das Non-Plus-Ultra?
Nein, nicht unbedingt. Nehmen Sie „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles: Hier reicht Stereo nicht nur vollkommen aus, jeder weitere Wiedergabe-Aufwand würde der Musik auch ihren rauen, krachigen Charme nehmen. AC/DC oder Sonic Youth sollten aus dem gleichen Grund nicht hochauflösend wiedergegeben – oder entsprechend produziert – werden. Aber für meine Musik oder auch die Musik von King Crimson ist das 5.1-System perfekt.

Warum?
Das hat mit dem Sound-Design zu tun. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: das Album „The Dark Side of the Moon“ von Pink Floyd, das Stück „Time“, der Anfang mit den Uhren und dem Klingeln – das ist wie gemacht für eine räumliche Klangerfahrung, in diese Musik können Sie eintauchen, sie kommt von allen Seiten auf Sie zu. Surround-Sound gibt Ihnen die Möglichkeit, Dinge zu hören, die Sie sonst nicht hören würden. Alles, was ich tue, ist von Pink Floyd inspiriert.

Das ist klangliche Exzellenz?
Auf grundlegende Weise heißt das erst einmal: Etwas hörbar machen auf die technisch bestmögliche Weise. Aufnahmen im MP3-Format stellen hier die unterste Ebene dar. Ich spreche also von sehr hoher Auflösung, einer sehr guten Postproduktion, in der jedem Klangdetail die höchste Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Hören Sie mal „Relax“ von Frankie Goes to Hollywood: Die Textur des Klangs ist glorios, das ist klangliche Breitwand, die einen aber nicht erschlägt, sondern in jedem einzelnen Moment ausgearbeitet ist, jede einzelne Trommelschlag klingt so, als sei er nur für diesen einen Moment da. Hier gibt es nichts Überflüssiges, kein Zuviel und kein Zuwenig, alles stimmt.

Das ist Pop-Musik. Was heißt Pop für Sie?
Die Platten, mit denen ich in den Achtzigern aufgewachsen bin, waren Pop-Alben, nicht wirklich Rock. „Hounds of Love“ von Kate Bush ist Pop, oder Tears for Fears, Talk Talk … Diese Künstler haben gut konsumierbare Musik geschrieben, sie hört sich leicht an, aber sie hat auch eine tiefere Ebene, großartige Texte, großartige musikalische Einfälle. Ich wünsche mir, es gäbe heute mehr von dieser Art Musik.

An der mangelt es?
Heute ist Pop vor allem R’n’B-satter, amerikanischer, sehr banaler Mainstream-Pop, Casting-Show-kompatibel. Ich sehe nichts, was die Lücke füllt, die Police, Prince oder die Talking Heads hinterlassen haben. Oder selbst Michael Jackson: Wenn der heute „Thriller“ herausbrächte, würde ihn wahrscheinlich kein Radiosender spielen. Vollkommen verrückt! Ich habe einen sehr strengen Begriff von Pop, ich spreche von den Beatles als der Quintessenz des Pop, von Abba … Das ist Pop. Ich mag eingängige Melodien. Eine Hookline, also eine Melodiephrase oder Textzeile mit Wiedererkennungswert, die auch das Zeug zum Ohrwurm hat. Zugleich muss Pop interessant klingen, überraschen und auch überfordern.

Mir kommt es so vor, als ob Sie mit enormem Aufwand gegen die Vergänglichkeit anarbeiten. Sie wollen Bleibendes schaffen – dem Tod ein Schnippchen schlagen.
Vielleicht. Ich komme mir vor wie ein Kind, das einen riesigen Spielzeugladen betritt, ein Studio voller wunderbarer Klangspielzeuge – und stehe staunend mit offenem Mund davor. Wir waren bei der Produktion von „Bone“ umgeben von den besten Geräten, die nur denkbar sind, einige kannte ich gar nicht.

Und dann vertreiben Sie die dunklen Mächte …
Nein. Da fühle ich mich dem Slogan verpflichtet, mit dem das ECM-Label für sich wirbt: Most beautiful sound next to silent – der schönste Klang neben der Stille. Schweigen, Stille: Das wird meistens unterschätzt. Musik ist eine Raumkunst und reicht in die Leere hinein. Das sollte wohl jeder Musiker wissen: Nicht die Leere zustellen, vollmüllen mit Bullshit.

Interview: Christian Schlüter

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