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Die Berliner Philharmoniker mit Maurizio Pollini während eines Konzerts in der Waldbühne in Berlin

Alte Meister

Pollini spielt das "Wohltemperierte Klavier"

Mehr als 40 Jahre ließ Maurizio Pollini verstreichen, bis er sich an Johann Sebastian Bachs "Wohltemperiertes Klavier" wagte. Nun zeigt er, warum das Stück einen reifen Interpreten braucht. Von Jürgen Otten

Von Jürgen Otten

Er hat lange gewartet, ungewöhnlich lange. Mehr als vierzig Jahre ließ Maurizio Pollini verstreichen, bis er sich an des Testaments ersten Teil heranwagte, an das Wohltemperierte Klavier, Buch eins. Die Gründe liegen im Dunkeln, können dort auch liegen bleiben. Denn zum einen hat sich Pollini in diesen vierzig Jahren seiner Laufbahn nicht den Wind um die Nase wehen lassen, sondern von Beethoven bis Schönberg etliche brillante Interpretationen im Konzertsaal wie im Studio zu Werke gebracht. Und zum Anderen ist Bach, das müssen auch jüngere Pianisten konzedieren, durchaus ein Fall für den gereiften und wissenden Künstler; siehe Daniel Barenboim.

Während dieser aber das Vorbild Harold Samuel immer und überall durchscheinen und nichts unversucht lässt, wo es nur geht, eine mystische Dimension in Bach zu entdecken (die manchmal da ist, meistens aber nicht, das Protestantische verweigert sich dem doch zu sehr), bleibt Pollini souverän auf dem Teppich. Zwar singt er zuweilen mit wie Glenn Gould, zwar verliert er sich in manchen Stücken ins Sinnieren, zwar hört er auch manchmal gleichsam hinter den Tönen das Spirituelle. Grundsätzlich aber trägt sein Agieren das Gepräge einer Sachlichkeit, die ihresgleichen sucht. Nichts ist da zu hören oder zu spüren von einer wie auch immer gearteten Überhöhung des Notentextes: Der Notentext selbst ist schon diese Überhöhung; er ist es, der uns, die Hörer, schweben lässt.

Alles innerhalb dieses Textes ist logisch durchhörbares Etwas; vorgebracht zum Zwecke der Verständlichkeit und des Verstehens. Wie häufig bei Pollini sind die Tempi rasch, zumal in den Präludien, hier und da und dort wirken sie sogar ein wenig getrieben.

Pollini, pianistischer Unruheherd im besten Sinne des Wortes, folgt dem Ideal einer gleichsam perpetuierenden Motorik als Triebfeder des Fortkommens; einer Motorik, die jedes romantisch gefügte Agogisieren ablehnt, stattdessen kontrapunktische Dichte statuiert. Dadurch erfahren die Stücke eine formal wie ästhetisch äußerst strenge (ja, man muss es sagen: beinahe calvinistische) Behandlung, die man sich in manchen Momenten einen Hauch weniger streng wünschte.

Doch kann Pollini nicht anders: Das intellektuell Durchwirkte der Interpretation war immer sein Markenzeichen. Mit Spannung erwarten wir nun des Projektes noch verbleibenden Teil: das Wohltemperierte Klavier, Buch zwei. Und verbinden damit die Hoffnung, dass Pollini nicht wieder so viel Zeit verstreichen lässt.

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