Jazz

Polarisierte Landschaften

  • vonHans-Jürgen Linke
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Benjamin Moussay und Jon Balke überzeugen mit ihren aktuellen Klavier-Solo-Einspielungen.

Ein kleiner Felsgipfel über einem See in den Vogesen, sagt Benjamin Moussay, habe den Namen für das Album geliefert – ein erhöhter Ort in einer Landschaft, der Klarheit und Überblick ermöglicht. In der Tat sind Überblick und Klarheit Qualitäten, die diese Klavier-Solo-Einspielung charakterisieren. Die Stücke sind von intensiven emotionalen Farben geprägt, dabei von einer heiklen, girlandenfreien Verknappung. Jedes Stück hat absolut individuelle Gestalt, geprägt von starker Reduktion und einem Formgefühl, das die zeichnerische Seiten, die Landschaftsmalerei in dieser Musik einhegt.

Bei der ECM gibt es eine prägnante Tradition von Klavier-Solo-Aufnahmen, in der Keith Jarrett der Gigant am Horizont ist. Benjamin Moussay, der zuletzt im Quartett von Louis Sclavis gearbeitet hat, findet mit „Promontoire“ – was „Vorgebirge“ oder eben „Felsvorsprung“ bedeuten kann – sofort seinen Platz in diesem Kontext. Etliche Titel haben einen Landschafts-Bezug und sind von spätromantischem Denken getragen; das gilt auch für die vier Stücke – „127“, „Theme From Nana“, „Horses“ und „The Fallen“ –, die ihren Ursprung in Kompositionen für Filme haben.

Komponiertes Material und improvisierte Passagen gehen bei Moussay so organisch ineinander über, dass sich jegliche kategorische Unterscheidung zwischen beiden Modi der Musik-Entstehung erübrigt. Das Album als Ganzes aber macht den Eindruck einer wohldurchdachten Suite von sorgfältig gearbeiteten Miniaturen und dramaturgischen Verläufen, die sich im Überblick zu einem bewegten Ganzen fügen.

Jon Balkes „Discourses“ beschäftigen sich mit dialogischen Strukturen und Polarisierungen, obwohl man die recht abstrakten Titel seiner kurzen Kompositionen („the self and the opposition“ etwa oder „the certainties“ und „the first afterthought“) nicht als Programm einer abstrahierten Musik nehmen sollte. In ihren emotional wirksamen Eigenschaften sind auch sie eher Landschafts-Zeichnungen als Abstraktionen; elektronisch bearbeitete geräuschhafte und musikalisch-atmosphärische Klangereignisse werden wie Übermalungen, Randnotizen oder Einsprüche dem Klavier hinzu addiert und hinterlassen, bei aller Diskretion ihrer dynamischen Gestalten, Eindrücke von nachdrücklichen Verfremdungs-Effekten. Nichts wird hier mit breitem Pinsel und heftigem Strich gemalt.

Balke geht mit äußerster Behutsamkeit zu Werke, sowohl als Pianist wie auch als Elektroniker, und gerade durch die konstitutiven Flüchtigkeiten und die vorbeihuschenden Genauigkeiten in der Musik entsteht eine Aufforderung zu allergrößter Aufmerksamkeit. Man könnte sonst etwas Wichtiges versäumen, und jedes Noch-Einmal-Nachhören verändert die Hörsituation grundlegend: die seltsamen Kombinationen zwischen den klar voneinander abgesetzten, dabei dicht miteinander verwobenen Komponenten dieser Musik reichern sich immer wieder mit anderen Aussagen an. So entstehen reichhaltige Diskurse im knapp gehaltenen Material.

Beide Alben liefern, das sollte noch unbedingt ergänzt werden, wegen der starken internen Beziehungen der einzelnen Stücke aufeinander nachhaltige Argumente gegen jeglichen atomisierten Konsum by streaming.

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