+
Plácido Domingo im Juli in Orange. 

Plácido Domingo

Plácido Domingo: Karriere, Sex und das egoistische Ausnutzen von Macht

  • schließen

Plácido Domingo soll Kolleginnen sexuell belästigt haben. Die Anschuldigungen reichen 30 Jahre zurück, der Sänger reagiert darauf sehr seltsam.

„Ich erkenne allerdings, dass die Regeln und Standards, an denen wir heute gemessen werden, ganz andere sind als in der Vergangenheit.“ – Will sagen: Der Kollegin einfach unter das T-Shirt oder den Rock greifen, ungefragt die Zunge in ihren Mund stecken, mit nächtlichen Anrufkaskaden um Beischlaf bitten – das sind heute keine Kavaliersdelikte mehr.

Der große Opernsänger Plácido Domingo ist irritiert. Auf den einen namhaften und die acht anonymen Vorwürfe, er habe in den achtziger Jahren Frauen sexuell belästigt und ihre Karrieren ausgebremst, wenn sie ihm nicht zu Willen waren, antwortete er einigermaßen eierig: „Die Anschuldigungen, die bis zu dreißig Jahre zurückliegen, sind zutiefst beunruhigend und – so wie sie dargestellt werden – unzutreffend. Ich habe geglaubt, dass all meine Handlungen und Beziehungen immer gewünscht und einvernehmlich waren.“ Und dann kommt das mit den neuen Standards und Regeln.

Falsch ist das ja nicht. Auch die Praxis, Männer erst Jahrzehnte später wegen ihrer sexuellen Fehlhandlungen und Gewalttätigkeiten anzugreifen, gehört zu diesen neuen Regeln und Standards. Ebenso die bedenkliche Wirkung dieser Angriffe, die vor jeder rechtskräftigen Verurteilung die Existenzen der Angegriffenen zerstören. Domingo ist prompt als Dirigent vom Philadelphia Orchestra ausgeladen worden, an der Oper von San Francisco soll er vorerst nicht mehr singen, das Opernhaus in Los Angeles, das er leitet, kündigt eine Untersuchung an.

Plácido Domingo kann Verknüpfung von Karriere und Sex nicht für moralischen Standard ausgeben 

Dass die beispiellose Karriere des mindestens 78-, höchstens 85-jährigen Sängers nach 4000 Auftritten in 150 verschiedenen Rollen – mehr als jeder andere Opernsänger der Geschichte –, nach legendären und klassischen Opernaufnahmen ein solches Ende nimmt, ist traurig – egal, ob er das „verdient“ oder nicht. Die Salzburger Festspiele immerhin halten an seiner Verpflichtung für die kommenden Aufführungen fest.

Zugleich aber will man nicht glauben, dass Domingo das ihm vorgeworfene Verhalten als wie auch immer historischen „Standard“ einschätzt. Gewiss, bis zum 19. Jahrhundert galt das weibliche Opernpersonal, ob singend oder tanzend, unterhalb des Star-Rangs als Freiwild, und der Übergang zur Prostitution war fließend.

Plácido Domingo nutzte die Macht systematisch aus

Seitdem sind aber mehrere Wellen Frauenbewegung über die Welt gegangen, nach denen Domingos übergriffiger Umgang, falls er denn wie oben geschildert stattgefunden hat, nur noch im Bereich von Nachtclubs und Bordellen üblich ist – auf sein lateinisches Temperament hat sich der in Mexiko aufgewachsene Spanier Domingo anders als Daniel Barenboim immerhin nicht herausgeredet.

Ebenso wenig könnte Domingo die Verknüpfung von Karriere und Sex, das egoistische Ausnutzen von verliehener Macht, ernsthaft für moralischen Standard ausgeben. Auch wenn es zu den üblichen Gepflogenheiten des Geschäfts gehören mag, unwillige Kolleginnen – aber auch unliebsame Kollegen – von zukünftigen gemeinsamen Auftritten auszuschließen, wie das Domingo nachgesagt wird, kann an der moralischen Unzulässigkeit dieser Praxis kein Zweifel bestehen. Was indes für den Fortbestand einer Unsitte nie wirklich ein Problem war.

Angeblich hat man Frauen empfohlen, nicht mit Plácido Domingo allein zu sein

Plácido Domingo galt in der Branche als – sagen wir mal – unruhig. Angeblich hat man Frauen empfohlen, nicht mit ihm allein im Raum zu sein. Zu seinen Bedürfnissen soll der entspannende Geschlechtsverkehr vor der Aufführung gehört haben – weil Singen eine körperlich überaus anspruchsvolle und über die Hormonausschüttung vor allem bei hohen Tönen tatsächlich trieb-anregende Tätigkeit sein kann, ist das sogar nachvollziehbar.

Und kein Problem, wenn dergleichen Entspannung denn „gewünscht und einvernehmlich“ vollzogen wird. Nur: Wer will sich dem großen Mann entziehen, gar schuld sein, wenn er auf der Bühne nicht in Form ist? Hier wird ja beinahe an die mütterlichen Anteile der Angesprochenen appelliert, und schon kommt etwas zustande, das nach „Einvernehmen“ aussehen könnte, tatsächlich aber das Resultat von Manipulation ist.

Nur die öffentliche Klage über Plácido Domingo ist neu

Wie im Fall von Barenboims Macht-Cholerik oder auch dem Vorwurf der Pädophilie gegen James Levine hat der Betrieb über Domingo längst schon alles gewusst, nur die öffentliche Klage ist neu. Es wird vermutlich auch im Bereich der E-Musik noch so einiges über große Namen enthüllt werden. Denn zu den Regeln und Standards von einst gehörte vor allem: Das bleibt Geheimnis, nicht selten auch offenes Geheimnis. Aber dieser Standard war nur stillschweigend verabredet, nicht verpflichtend. Justiziable Vorwürfe konnte man auch damals anzeigen, und Vorwürfe ohne juristische Relevanz waren privater Klärung aufgegeben, weil die Toleranzgrenze zu dem, was als Übergriff empfunden wird, individuell verschieden ist.

Allerdings erscheinen Anzeige wie private Klärung angesichts des realen Machtgefälles und der Empfindlichkeit des Themas sicherlich noch immer oft aussichtslos. Die öffentliche Keule, die MeToo schwingt, mag oft grausam zuschlagen und ist in ihrer denunziatorischen Form nicht weniger abstoßend als das von ihr inkriminierte Verhalten. Aber offensichtlich ist dieser öffentliche Pranger das einzige Mittel, mit dem die Achtung vor der sexuellen Selbstbestimmung neu justiert werden kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare