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Placebo in der Festhalle: Farblich verfremdet

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Von: Volker Schmidt

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Brian Molko, schwarz umrandet, rot hinterlegt.
Brian Molko, schwarz umrandet, rot hinterlegt. © Pixsell/Imago

Placebo geben sich in Frankfurts Festhalle nicht besonders viel Mühe.

Die 90er Jahre sind zurück: Nach neun Jahren haben Brian Molko und Stefan Olsdal alias Placebo, 1994 gegründete und seit 1997 erfolgreiche Alternative-Band, ein neues Album herausgebracht und sind damit auf Tour. Zum ersten Konzert in Deutschland bekamen sie die Festhalle voll und in Stimmung.

Als Vorgruppe hat Placebo – selbst unter anderem als Support für U2 bekannt geworden – so etwas wie eine jüngere Ausgabe von sich selbst dabei: Echo Machine aus Dundee in Schottland, rauer, lauter Synthierock mit Goth-Anklängen. Die Band um einen Sänger namens Gary Moore, der im langen schwarzen Mantel über die Bühne stakst, steht bei Riverman Management unter Vertrag, der Firma, die auch Placebo zum Ruhm verhalf.

Wenn der Song-Katalog so lang ist und so viele Hits umfasst wie der von Placebo, ist die Versuchung groß, auf bewährte Klassiker zu setzen. Molko und Olsdal aber bauen den Abend konsequent auf dem aktuellen Album „Never Let Me Go“ auf: 11 von 21 Songs des Abends stammen von dem von Kritik und Fans wohlwollend aufgenommenen jüngs-ten Werk. Ihren wohl bekanntesten Song „Every You Every Me“ dagegen bleibt die Band dem Publikum schuldig.

Placebos großes Verdienst ist es, dem Britpop den Machismo ausgetrieben zu haben: genderfluider Stadion-Rock, Gitarren-Synthesizer-Bass-Bretter mit Kajalstrich. In der Festhalle bittet, bevor es losgeht, eine Einblendung wortreich die Brüder, Schwestern und „non-binary people“ im Saal, nicht zu filmen, das erschwere die Verbindung zwischen Band und Publikum, „peace, namaste“.

Um diese Verbindung bemüht sich Placebo sonst allerdings nicht besonders. Von „Forever Chemicals“ und „Beautiful James“ bis „Infrared“ und „The Bitter End“ geht der Dialog mit dem Publikum gegen Null. Auch zwischen Molko und Olsdal ist nicht viel Kommunikation erkennbar. Die beiden sind seit dem Ausstieg von Schlagzeuger Steve Forrest nur noch ein Duo, der Rest sind Tourmusiker und -musikerinnen. Das stellt die Aufteilung der Bühne klar: vorn die beiden Stars mit fertig verkabelten angereichten Gitarren, Bass und Gesangsmikros, hinten der Maschinenraum mit Drums, Reservegitarre, Synthesizern und zusätzlichem Bass, darüber LED-Schirme, auf denen fast immer die farblich verfremdeten Gesichter von Molko und Olsdal zu sehen sind.

Der Name muss Ironie sein

Der US-Amerikaner Molko und der Schwede Olsdal gründeten Placebo, als sie sich 1994 in London begegneten; beide hatten zuvor die selbe Schule in Luxemburg besucht. Die Namensgebung nach wirkstofffreien Arzneimitteln ist angesichts der sowohl lyrischen als auch tatsächlichen Beschäftigung insbesondere Molkos mit allerlei Drogen pure Ironie. Seit dem Album „Meds“ von 2016 ist Molko aber nach eigenen Angaben clean.

Auf einen Spannungsbogen verzichtet das Konzert. Weder Tempo noch Lightshow oder Instrumentierung der Songs variieren wesentlich, nur einmal schleppen Roadies einen weißen Stutzflügel für Olsdal herbei. Molkos hohe, näselnde Stimme, die er durch eine eigenwillige Gitarrenstimmung unterstützt, hat im Soundmix nicht die Prominenz, die sie bräuchte. Auch als Keyboarderin Angela Chan einmal zur E-Geige greift, ist die akus-tisch allenfalls zu erahnen. Dafür dröhnt der Bass bis an die Grenze der Übersteuerung.

Das Publikum feiert trotzdem – deswegen? – enthusiastisch mit. Das Tears-for-Fears-Cover „Shout“ bildet die erste Zugabe, es ist erstmals live zu hören. „Fix Yourself“ vom aktuellen Album und noch ein Cover, Kate Bushs „Running Up The Hill“, folgen zum Abschluss.

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