Corin Tucker und Peter Buck. Foto: John Clark

Neue CD

Mit Wut und Pitmonster

  • schließen

„Emerald Valley“: Filthy Friends haben ein muskulöses, anständiges Rock-Album abgeliefert.

Die haben sich gefunden und wollen nicht mehr loslassen. Nach dem „Invitation“-Debüt vor zwei Jahren haben die Filthy Friends nachgelegt. „Emerald Valley“ ist betitelt, was innerhalb weniger Augusttage 2018 einer Bandmaschine in Portland, Oregon überantwortet wurde.

Das Gebiet im Pazifischen Nordwesten der USA liefert das hier verarbeitete Anschauungsmaterial, ist zugleich die historisch gewordene Heimat einer einflussreich-musikalischen Alternativszene. Daraus wird im Bunde der schmutzigen Freunde mit vollen Kannen geschöpft – und zudem aus eigenen Quellvergangenheiten, die in durchaus fruchtbare Gründe verweisen. Peter Buck (ehemals R.E.M.), Kurt Bloch (Fastbacks) und Scott McCaughey (Young Fresh Fellows) haben ihre tiefen Züge vom Salz- und Süßwasser des Ocean of Rock genommen, dürfen sich heute ohne Scham als seetauglich und untergangsgefeit bezeichnen lassen.

Zwei Frauen aber machen den Unterschied. Das 1972 in Oregon geborene Novemberkind Corin Tucker – überregional einflussreich geworden mit der Grrrrrl-Offenbarung Sleater-Kinney – setzt auf „Emerald Valley“ text- und stimmliche Maßstäbe. Den beiden heranpirschenden Wut- und Eröffnungsnummern leiht sie einen Patti-Smith-Gestus, der auf jedes Brechstangen-Geheul verzichten kann. Klassisch zumeist der Songaufbau, unüblich die Direktheit der Rede. Filthy Friends spinnen das Garn fort, klagen gegen kapitalistisch gesteuerte Verwüstungen aller Lebensgrundlagen. Da zerfallen soziale Systeme ebenso wie Landschaften, aus denen Rohstoffe gerissen werden. Einmal werden im Grenzland Kinder von ihren Müttern getrennt, abtransportiert – ein Müllhaufen, der sich Zivilisation nennt.

Neu an den Schlagstöcken ist bei den Friends nun Linda „Pitmonster“ Pitmon. Viele Jobs im bunten Americana-Kosmos hat sie hinter sich, trommelt derzeit auch bei Bitchface (watch out! Syd Straw!). Ihr sagenhafter Wumms verträgt sich aufs Trefflichste mit dem Sägen, Scharren und Knurren der Gitarren – warum die Pitmon-Kunst auf dem soeben auf- und vorliegenden Tonträger dermaßen nach hinten gemischt wurde, ist jedoch ärgerliche Unbegreiflichkeit. Die zehn Stücke spielen durch, was die Musikanten mitbringen. Der Punk-Krawall mit Schrei und Stich darf sich frei entfalten, wird umgehend gekontert von R.E.M.-Uptempo-Finesse oder balladesker Zartheit. Und wie toll die ewige Wiederholung in Rock ist, diese heilsame Wiederkehr des Refrains, ist deutlich, wiederum.

„Our future is sold“ als Kernsatz eines – im ganzen Wortsinne – anständigen Rockalbums. Kennzeichnend ist das, was die 35 Minuten klammert: Von dem drängenden „Emerald Valley“ zu einem „Hey Lacey“, dessen schmerzende Anmut ein lange nachhallendes Versprechen ist. „The weather’s knocking at our door / The wind is stronger than before / The future’s nothing that we know.“

Den Mut aber verliert diese Freundestruppe nicht. Fühlte sich Corin Tucker auf dem Debüt noch „brand new today“, ist sie heute „brand new again“. Eine Zeit also, um Stellung zu beziehen. Vor 14 Jahren bereits hatten Sleater-Kinney die entscheidende Frage in den Song „Entertain“ gepackt: „The grip of fear is already here / The lines are drawn / Whose side are you on?“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion