Die Sex Pistols 1977: Paul Cook, Sid Vicious, Johnny Rotten und Steve Jones (v.l.).
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Die Sex Pistols 1977: Paul Cook, Sid Vicious, Johnny Rotten und Steve Jones (v.l.).

Punk

Get pissed. Destroy!

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Vor 40 Jahren erschien das bedeutendste Album der Punk-Ära: "Never Mind The Bollocks ? Here?s The Sex Pistols".

Ärger in der Schule, Stress mit den Eltern? An der musikalisch wie modisch breiten Abbiegung aus den 70er Jahren in die 80er knallt ein exzellentes Frustvergrämungsmittel aufs Trottoir: Punk. Dein Fußballklub hat verloren; du kriegst die begehrte Wohnung nicht; dein Chef nervt wie Sau – ein Ausweg: Wir gehen zu mir und hören die Bollocks, und zwar volles Rohr auf zehn! 

Aus heutiger Sicht, in diesen Jahren des Ungefähr-40-Jahre-Jubiläums, gibt es verschiedene plausible Startpunkte des Phänomens Punk. Aber fest steht: Gäbe es nur ein einziges Punk-Album, hätten sich alle auf eine Platte einigen müssen, dann wäre es diese: „Never Mind The Bollocks – Here’s The Sex Pistols“. Und die erscheint am 28. Oktober 1977. 

Es ist auch schon fast wieder das Ende der Band. Die Sex Pistols, aus dem Nichts zur Marke hochgezüchtet von dem genialen Londoner Trend- und Modemann Malcolm McLaren, haben Skandale ohne Ende produziert. Sie haben Fernsehmoderatoren beschimpft, überall bei ihren Auftritten geht es brutal und ekelhaft zu, zwei Plattenfirmen haben die Band um den ikonisch, ja satanisch verehrten Sänger John Lydon rausgeschmissen. Er nennt sich Johnny Rotten. Die erste Single „Anarchy in the UK“ aus dem November 1976 beginnt mit den Worten: „Ich bin ein Antichrist / Ich bin ein Anarchist / Weiß nicht, was ich will / Aber ich weiß, wie ich es kriege / Ich will zerstören, Passant!“ Radiostationen weigern sich, den Song zu spielen. Das Label EMI zieht die Single zurück. 

Aber die Sex Pistols sind da längst auf dem gitarrensaitengeraden Weg zum Ruhm und in ihr Verderben. Mitte 1977 schippern sie zum silbernen Thronjubiläum der Queen mit einem Boot über die Themse. Die Polizei kann sie gerade noch davon abhalten, ihren bis heute größten Hit live zu spielen: „Gott schütze die Queen / Das faschistische Regime / Es hat dich zum Trottel gemacht / Zur potenziellen H-Bombe“. Ein weiterer PR-Schritt hin zur Veröffentlichung von „Never Mind The Bollocks“. 

Schon der Albumtitel ist eine unerhörte Provokation. Wer sich den Begriff Bollocks im Internet übersetzen lässt, erhält diverse Exkremente zur Auswahl, aber auch ein diskret eingeblendetes Foto mit dem Gemächt eines Vierbeiners. Im Vergleich zu den Punk-Vorbildern aus den USA drehen McLaren und der Songtextschreiber Lydon das Schocklevel zwei, drei Stufen weiter. Die Musik selbst, letztlich auf dem Virgin-Label von Richard Branson veröffentlicht, ist wild und krass – für die damalige Zeit. Heute wäre ein Pistols-Gig etwa neben einer Rammstein-Performance auch nur ein weiteres Stück Theater. Aber „Never Mind The Bollocks“ ist auch mitunter unerwartet melodisch. Der Gitarrist Steve Jones, der vor allem bei Liveauftritten dafür sorgt, dass aus dem Unternehmen Sex Pistols so etwas wie Struktur herauskommt, streut immer wieder Riffs und kleine, schillernde Soli ein, sogar im zerstörerischen „Anarchy in the UK“, das mit den Worten endet: „Get pissed. Destroy.“ 

Die Texte auf der Platte lassen keinen Zweifel an der grundlegenden Gesellschaftskritik, die hier transportiert werden soll. Rotten/Lydon gelingt es, Zeilen durch geschickte Betonung unterzubringen, die silbenzahlmäßig nie und nimmer passen können, oder anders ausgedrückt: Singen kann er eigentlich nicht. Mit den ersten Takten hauen die Sex Pistols den Wohlsituierten um die Ohren, dass sie ihre Ferien im Elend anderer Leute verbringen, später geht es um Abtreibung, Abstumpfung, Lügen, Faulheit. „Du wirst es nicht schaffen, dass ich für die Glotze lebe“, skandiert Lydon. Am Ende, als letztes der zwölf Lieder, die Abrechnung mit den wankelmütigen Musikmanagern der EMI: „Sie taten es nur für ihren guten Ruf … wir lassen uns von niemandem Regeln vorschreiben“. 

100 Prozent Aggression

Es ist, nach all den Jahren, durchaus ermüdend, das ganze Album durchzuhören, die 100 Prozent Aggression, die aus jedem Song herausbrettern. Damals war es eine Droge. Kein anderes Punk-Werk hat diese Energie entwickeln können. Und auch wer nicht so arg haarsträubend und sicherheitsklammerngepierct unglücklich mit dem Zustand der Welt war, besorgte sich die Bollocks. Auf dem Flohmarkt, versteht sich. Ein bisschen kratzen und rumpeln musste das Vinyl schon, während man an die Sex Pistols dachte und daran, was aus ihnen wurde. 

Nach dem einzigen Album war bald Schluss mit der Band. Der sogenannte Bassist Sid Vicious, total unmusikalisch, heroinsüchtig und in kürzester Zeit völlig auf den Hund gekommen, wurde 1978 tot in New York aufgefunden, nachdem seine Freundin Nancy Spungen unter bis heute ungeklärten Umständen erstochen worden war. Lydon machte mit wechselndem Erfolg in dem Projekt Public Image Limited weiter und moderiert heute sehr sehenswerte Musiksendungen. Jones startete eine Solokarriere, die ihn nicht berühmter machte, aber schaffte es immerhin beim Magazin „Rolling Stone“ unter die 100 besten Gitarristen aller Zeiten. Auch Schlagzeuger Paul Cook trommelt noch. Wer ihn sucht, findet ihn bei der britischen Rockband Man Raze. 

Vor fünf Jahren, zum 35. Geburtstag von „Never Mind The Bollocks“, erschien das Album als „Remastered Deluxe Edition“ auf einer Doppel-CD. Wer kauft so etwas? Nur Leute vermutlich, die die Platte nicht ordnungsgemäß als Zwölf-Inch haben, verkratzt im eselsohrigen, eingerissenen Cover. In den Bewertungen bei Amazon lässt sich lesen, was man davon hat: „Diese CD wird von CD-Playern nicht erkannt und darum nicht abgespielt. Eigentlich unglaublich! Produkt wurde von mir zurückgeschickt.“ Offenbar protestiert das Werk unverdrossen weiter gegen das Establishment. 

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