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Pip Milletts „When Everything Is Better“: All die schmerzhaften Jahre

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Von: Stefan Michalzik

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Pip Millett. Foto: pipmillett.com
Pip Millett. © pipmillett.com

Pip Milletts poetisches, auch zuversichtliches Album „When Everything Is Better“.

Gerade mal ein paar EPs in den letzten vier Jahren haben für gewaltige Erwartungen und mächtig Wind in der hype-versessenen britischen Musikpresse gesorgt. Pip Millett wurde als das nächste große Ding gefeiert – und tatsächlich, „When Everything Is Better, I’ll Let You Know“, ihr nun vorliegendes Langdebüt, bestätigt die besondere Klasse der aus Manchester stammenden Sängerin, Gitarristin und Songschreiberin. Bei der Musik der 24-Jährigen handelt es sich um Singer/Songwritertum von enormer poetischer Kraft im zeitgenössischen R‘n’B-Stil.

In den Songs auf dem Album der als Georgia Willacy in Manchester geborenen Musikerin geht es immer wieder um Stimmungen beim Verlust der Liebe. Variationen etwa um zehrende Gefühle des Hin-und-her-Gerissenseins und Nicht-so-ohne-weiteres-Loslassenkönnens. Über derlei schreibt Pip Millett zartfühlend und ohne Schmalz. Im lyrischen Ich präsentiert sich eine selbstbewusste Frau, die aus einer Position der Unabhängigkeit um eine kathartische Überwindung der aus der Verletzung und dem Verlassensein resultierenden Pein ringt. Leitend ist bei aller Trauer die Zuversicht. „I hardly notice when I’m having a good time/If you were on the edge“, heißt es in „Happy No More“, frei übersetzt: Ich kann mich kaum noch entsinnen, wann ich zum letzten Mal gemeinsam mit dir eine gute Zeit hatte.

Trauriger Text mit funky Beat

In „My Way“ heißt es: „Fucking hating it, all the painful years/I feel so sad, I feel so very bad/I felt so fucking trapped“ – ich hasse es aufs Bitterste, all die schmerzhaften Jahre/Ich fühle mich so traurig, ich fühle mich so sehr schlecht/Ich komme mir vor wie in einer Falle“. Musikalisch ist dieser Song gegenläufig zum Text von einem funky Beat geprägt. Mitunter steht die akustische Gitarre im Zentrum („I Know“) oder das Klavier („This Stage“).

In die in R‘n’B-Beats mischen sich verschiedentlich Segmente vom 2-Step der 90er Jahre. Tief ist die Beziehung zum Soul, doch die Ästhetik der Musik ist auf den Blick nach vorn, die Zukunft ausgerichtet, nicht retro-sinnig in die vergangene Jahrzehnte. Da ist immer wieder ein unterschwelliger Reggaebeat, etwa in „Hold Up“, einem von mehreren Interludien. Als wichtigste Einflüsse nennt Millett neben Joni Mitchell, Bobby Womack und Lauryn Hill auch Bob Marley.

Der Soul ist für den Gesang prägend, mit Ausflügen in die Kopfstimme. Die in der zeitgenössischen Popmusik gebräuchlichen Geräteeffekte auf der Stimme werden sparsam dosiert. Mitnichten ist Pip Millett monothematisch orientiert. Bei ihrer vorhergehenden Veröffentlichung, der EP „Motion Sick“ (2021), handelte es es sich um eine Manifestation in Sachen Identität, mit Blick auf Hautfarbe und ökonomische Verortung. Als „mixed race woman“, so ihre Formulierung in einem Interview, habe sie über ihre Identität sprechen müssen. Das habe einesteils wehgetan, zugleich eine befreiende Wirkung gehabt. Den Bezug auf die Blackness habe sie sich zur Basis gemacht, mit Bob Marley und mit ihren jamaikanischen Wurzeln im Hintergrund.

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