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Piotr Anderszwewski: Musik als kinetisches Objekt

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Von: Bernhard Uske

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Piotr Anderszwewskis Kunst der Synthese in der Alten Oper.

Piotr Anderszewski konnte jetzt im Mozart-Saal der Alten Oper in Frankfurt seinen coronabedingt ausgefallenen Auftritt nachholen. Ein spannungsreiches Programm bot der in Warschau geborene Pianist, dessen Säulen Johann Sebastian Bach und Ludwig van Beethoven waren. Dazwischen vier Mazurken Karol Szymanowskis und die Klaviervariationen von Anton Webern.

Sechs Präludien und Fugen aus dem 2. Band des Wohltemperierten Klaviers zeigten mit schönster Deutlichkeit das Profil des 53-Jährigen: eine flüssige Handhabung der harmonisch und tektonisch reichen Konstruktivität des späten Bach, die ansonsten oft vom Nimbus purer Ordnungs- und Regelungsästhetik umhüllt ist. Bach als tüftelnder Mechaniker oder als Großmeister, der Spielzüge gleich einer Schachpartie ausführt.

Locker die Notenfülle

Anderszewskis Spielzüge waren von anderer Art: locker die Notenfülle in eine lineare Form bringend. Die einzelnen motivischen Profile gingen bruchlos und ohne starre, pointierte Setzung ineinander über. Musik als Zeitfluss, als kinetisches Objekt, das seine vielsträhnigen Bewegungen eher auf eine horizontale Achse bringt als in skulpturale Objekthaftigkeit. Bei allem schwingenden und letztlich auf Melodiosität gehenden Spiel war das doch kein Verlust an durchhörbarer Struktur. Bachs formgewaltige und sensitive Seite in Balance.

Ganz ähnlich war der Zugriff bei Anton Webern, dessen meist als hart punktualisiertes Mobile erklingenden Variationen op. 27 in eine Dimension des Ausdrucks, der feinsinnigen Reduziertheit und Verknappung reichte. Der im Vergleich zum wohltemperierten Tonvorrat nur als verschwindend gering zu bezeichnende Weberns wurde bei aller Akkuratesse fast melodisch gestaltet, sodass man einen wortkargen, aber klang-mimisch alles auf den Punkt bringenden Wiedergänger des barocken Kollegen erlebte.

Karol Szymanowskis 1924 entstandene Mazurken, von denen eine Auswahl erklang, sind eine Mischung aus impressionistischen und folkloristischen Momenten, die Anderszewski durch ihr neu-sachlich strukturiertes Habit durchscheinen ließ.

Die Beethoven-Sonate op. 110 war dann der letzte Beweis für die vom Pianisten gepflegte Kunst der Synthese. Das späte Werk mit seiner temporär sperrigen und unvermittelt wechselnden Motivik. die zwischen hoher Inspiration und trillernder Geröllfläche navigiert, geriet in der Alten Oper zu einer gerundeten Form. Redundante Unterfütterungen und fugenhämmernde Ausdruckspresserei bekamen dabei einen originellen, die Werkform steigernden Wert.

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